Eine unnachahmliche Mischung aus unerschöpflicher Energie und altersweiser Gelassenheit durchzieht das neue Werk. DEEP PURPLE beweisen mit dieser Veröffentlichung eindrucksvoll, dass vitaler Hard Rock keine Frage des Geburtsdatums ist.
Die im Jahr 2013 mit „Now What?!“ eingeleitete Alterswerk-Phase markiert eine ästhetische Zäsur, die sich auf dem vierundzwanzigsten Studioalbum zu einer veränderten Systematik verdichtet. Deep Purple verweigern sich der klassischen Nostalgie-Schleife, die viele ihrer Zeitgenossen wählen. Anstatt das verbleibende Material zu verwalten, nutzt die Formation die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Bob Ezrin für eine fortlaufende Re-Kontextualisierung ihres Kernsounds. Das Cover visualisiert dieses Verhältnis von Pose und Authentizität überdeutlich: Der Schritt durch das steinerne Portal ins Unbekannte thematisiert eine bewusste narrative Entgrenzung, eine Verweigerung des Verharrens im starren Monumentalismus der eigenen Vergangenheit.
Der Einstieg von Gitarrist Simon McBride, bereits auf „=1“ hörbar, verschiebt die Gewichte grundlegend. Seine Präsenz erzeugt eine klangliche Härte, die ohne die dominierende Hammond-Orgel von Don Airey beinahe im klassischen Heavy Metal anzusiedeln wäre. In Stücken wie „Arrogant Boy“ oder „The Beating Of Wings“ zeigt sich diese neue, dichte Verzahnung über schnelle Unisono-Linien. Während die Produktion auf Alben wie „inFinite“ oder „Whoosh!“ bisweilen eine fast klinische Klarheit suchte, kultiviert Ezrin auf „SPLAT!“ eine glänzende, weiträumige Textur, welche den alternden Institutionen Raum zur Entfaltung überlässt. Ian Paice treibt das metrische Skelett mit einer an die frühen Siebziger erinnernden Eleganz voran, während Roger Glover eine stoische Erdung garantiert.
Die auffälligste Evolution vollzieht sich auf der Ebene des narrativen Zugriffs durch Ian Gillan. Seine Stimme hat an den Rändern an Umfang verloren, was die Produktion ungeschönt offenlegt. Diese Fragilität verleiht den surrealen Parabeln eine unerwartete Tiefe. Gillan agiert primär als distanzierter Chronist menschlicher Absurdidäten. Das zeigt sich exemplarisch im prog-orientierten „Guilt Trippin’“, in dem Gott und Charles Darwin über den Zustand der Spezies debattieren, oder im dystopischen Entwurf von „The Only Horse In Town“. Die Songs fungieren nicht mehr als reine Träger melodischer Hooks, sondern als exzentrische literarische Miniaturen. Selbst scheinbare Rückfälle in den Klamauk wie „Jessica’s Bra“ ordnen sich diesem spöttischen Gestus unter.
Mit „SPLAT!“ verschiebt sich die Position der Band innerhalb ihrer sechs Jahrzehnte umspannenden Diskografie weg von der rekonstruktiven Mythenpflege hin zu einer vitalen, in sich geschlossenen Gegenwartsbehauptung. Das Spätwerk löst sich aus dem Schatten der historischen Mark-II-Besetzung und etabliert eine eigenständige Alterstopik, die Energie und Vergänglichkeit strukturell gleichwertig nebeneinanderstellt. Diese Transformation manifestiert sich als Synthese aus handwerklicher Dichte und thematischer Entzauberung, die das Gesamtwerk um eine neue, distanzierte Facette erweitert.
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