Zwischen pompösen Pete-Townshend-Synthesizern und knallharter Realität schlägt THE ANCHORESS den Ton einer Künstlerin an, die keinen Bock mehr auf vorsichtige Höflichkeiten hat. AS WE ONCE WERE feiert die große Pop-Geste und zeigt gleichzeitig mit trockenem Zynismus den Mittelfinger Richtung Klischee-Falle Mutterschaft. Das ist glamourös, verdammt clever und vor allem herrlich ungemütlich.
Eine Frau im Profil, getaucht in sepiafarbene Unschärfe, hält eine Puppe empor. Dieses Bild inszeniert keine nostalgische Idylle, sondern ein merkwürdig distanziertes Requisitentheater zwischen Mutterschaft und Distanzierung. Genau an diesem visuellen Bruch setzt das neue Werk von Catherine Anne Davies an, die als The Anchoress ihre vielschichtige Pop-Architektur weiter ausbaut.
Die Waliser Musikerin und Produzentin wählt auf ihrem dritten Studioalbum einen Ansatz, der die konzeptionelle Dichte der Vorgängerwerke konsequent weiterdenkt. Davies nutzt analoge Synthesizer aus der Sammlung von Pete Townshend, um eine monumentale, fast barocke Klangkulisse zu errichten, die als Schutzraum für hochgradig persönliche Themen dient. Anstatt sich in bloßer Melancholie zu verlieren, begegnet Davies den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an Mutterschaft und Weiblichkeit mit kalkulierter Schärfe.
Schon im Opener „Du Temps Perdu (Introduction)“ deutet sich das Netz aus Motiven an, das sich durch alle vierzehn Abschnitte zieht. Die Einbindung der Stimme ihrer Tochter fungiert hier keineswegs als niedlicher Effekt, sondern als struktureller Anker für eine Auseinandersetzung mit generationsübergreifenden Traumata. In „I Had A Baby, Not a Lobotomy“ verarbeitet Davies die absurde Konfrontation mit branchenüblichen Vorurteilen: „Are you still doing that? Oh what for? Guess now there won’t be any more tours?“. Diese Zeilen legen die Mechanik einer Unterhaltungsindustrie offen, die Frauen nach der Familiengründung jegliche künstlerische Relevanz abzusprechen versucht.
Unterstützt von Gästen wie James Dean Bradfield bei „Throw Over Your Man“ oder Eaves Wilder in „Damsels“ breitet das Album ein Geflecht aus literarischen Verweisen und historischem Bewusstsein aus. Die Kollaborationen fügen sich organisch in das von Davies entworfene Klangbild ein, ohne die dominante Handschrift der Produzentin zu überlagern. Von der cineastischen Wucht in „Hand To The Tide“ bis zur reduzierten Schärfe von „What You Did“ erweist sich das Songwriting als methodisch durchdacht und dramaturgisch austariert.
Indem Davies die Ästhetik opulenter Synthie-Texturen mit schonungslosen Beobachtungen verknüpft, gelingt ihr eine spürbare Verschiebung innerhalb ihres bisherigen Schaffens. Das Album markiert den Punkt in der Diskografie von The Anchoress, an dem die vielschichtige Produktion nicht mehr als schützende Fassade dient, sondern als eigenständige narrationstragende Ebene vollkommen gleichberechtigt neben den Texten steht.
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