HEN OGLEDD DISCOMBOBULATED
Aufgewühlt und gemeinschaftlich, politisch dringlich und musikalisch vielgestaltig entfaltet HEN OGLEDD auf DISCOMBOBULATED ein radikal offenes Folk-Rock-Statement. Zwischen Protest, Mythos und spiritueller Rückbindung sucht Hen Ogledd nach kollektiver Handlungsfähigkeit. DISCOMBOBULATED wird so zum Klangbild einer Gesellschaft im Umbruch, das Idealismus und Realismus untrennbar verschränkt.
Hen Ogledd entscheiden sich auf „DISCOMBOBULATED“ für eine demonstrative Selbstverortung im politischen Folk, allerdings ohne nostalgische Verklärung. Das Album versteht sich als Gegenwartskommentar, nicht als zeitlose Allegorie. Diese strategische Setzung materialisiert sich in der konsequenten Verschränkung von Protestlyrik und offener Form. Bereits „Scales will fall“ formuliert mit Zeilen wie „kids rise up / tear down the corporate wall“ eine explizite Parteinahme. Die Rappassage von Dawn Bothwell, rhythmisch präzise in einen repetitiven Groove eingebettet, ist keine dekorative Geste, sondern struktureller Kern: Der Song funktioniert als Manifest, weil seine musikalische Reduktion den Worten Raum verschafft, statt sie zu überformen.
Das Albumcover mit seiner Überfülle an kantigen, farblich kollidierenden Formen wirkt dabei nicht illustrativ, sondern programmatisch. Die visuelle Dislozierung gibt die ästhetische Entscheidung wider, disparate Stile nicht zu glätten. Hen Ogledd setzen auf Überlagerung statt Synthese. Krautrock-nahe Motorik in „Dead in a post-truth world“ trägt zweisprachige Anklagen gegen populistische Verzerrungen, während die Kinderstimme in „Nell’s prologue“ bewusst an den Anfang gestellt wird, um das Motiv kollektiver Zukunft nicht abstrakt, sondern konkret zu verankern.
Diese Haltung bleibt nicht auf Parolen beschränkt. „End of the rhythm“ verschiebt die politische Energie in eine tanzbare Struktur, deren chorische Verdichtung kollektive Aktion performativ vorwegnimmt. Die Arrangements sind bewusst durchlässig, Gäste treten nicht als Virtuosen auf, sondern als Teil eines Gefüges. Gerade in „Clear pools“, dessen knapp zwanzig Minuten sich von perkussiver Dringlichkeit zu spirituell grundierten Passagen entfalten, zeigt sich die Ambition des Projekts. Der lange Formverlauf wirkt als Versuch, zyklisches Denken musikalisch abzubilden. Allerdings gerät diese Ausdehnung stellenweise ins Mäandernde; die Idee der Erneuerung durch Wiederholung verliert an Präzision, sobald strukturelle Verdichtung ausbleibt.
Hen Ogledd positionieren sich hier deutlicher als auf früheren Veröffentlichungen als kollektive Stimme gegen Vereinzelung. Die Mischung aus Folk-Tradition, experimenteller Offenheit und explizitem Aktivismus ist kein Stilspiel, sondern programmatische Entscheidung. „Land of the dead“ schließt mit zurückgenommener Instrumentierung und mehrsprachigem Gesang, der die politische Vision in eine mythopoetische Perspektive überführt. Diese Rückbindung an Natur, Geschichte und Gemeinschaft ist keine Fluchtgeste, sondern Ausdruck eines bewussten kulturellen Selbstentwurfs, der Risiko sucht, auch wenn nicht jede formale Ausweitung stringent eingelöst wird.
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