SOULWAX All Systems Are Lying
Zwischen greller Illusion und digitaler Leere: SOULWAX führen auf ALL SYSTEMS ARE LYING ihr eigenes Maschinenorchester vor und verlieren dabei den Körper im Takt der Präzision.
Sieben Jahre nach Essential kehren David und Stephen Dewaele mit einem Werk zurück, das sich zwischen Technikfaszination und Kontrollverlust bewegt. „All Systems Are Lying“ will eine Dekonstruktion des Rockbegriffs sein, eine Rückeroberung der Körperlichkeit im digitalen Zeitalter, doch die Brüder bleiben zu oft im Labor stehen. Sie verzichten auf Gitarren, setzen auf modulare Synths, analoge Drums und polierte Samples. Was daraus entsteht, ist makellos produziert, aber emotional weitgehend versiegelt.
„Run Free“ eröffnet noch mit elektrischer Euphorie, ein Song, der sich wie ein Kreislauf aus Lichtblitzen entfaltet. Acid-Flächen, harmonische Schichten, ein treibender Beat – alles wirkt in Bewegung, bis jede Bewegung berechnet scheint. In „New Earth Time“ steckt das Konzept des Albums am deutlichsten: ein Tanz im Kreis, gefangen in der eigenen Perfektion. Die Stimmen klingen fern, wie Protokolle aus einer vergangenen Zukunft. „Three hundred sixty degrees all the time“ wiederholt die Zeile endlos, als gäbe es keinen Ausweg aus der Schleife.
„The False Economy“ entlarvt die Oberfläche, auf der Soulwax sich so virtuos bewegen: „Your curated playlist, I always hated what you like.“ Es ist ein Zynismus, der sich gegen die eigene Ästhetik richtet, gegen das konsumierbare Spektakel, das sie selbst so brillant beherrschen. In „Hot Like Sahara“ verdichtet sich der Klang zu einer Art algorithmischer Ekstase. Die Drums von Iggor Cavalera und Aurora Bennett verleihen Struktur, doch die Stimme bleibt eine Projektion aus Glas.
Das Cover – eine Hand im Dunkel, die einen Falter hält – deutet an, was das Album verspricht, aber nicht einlöst: Zartheit, Leben, Gefahr. Zwischen flackernder Oberfläche und klinischer Reinheit bleibt die Musik gefangen im Spiegelbild ihrer eigenen Konstruktion. Präzision ersetzt Risiko, Theorie verdrängt Instinkt. Das ist virtuos, aber selten lebendig.
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