RADIOHEAD In Rainbows
Mit IN RAINBOWS kehren RADIOHEAD zu Wärme und Körperlichkeit zurück: ein Album voller Transparenz, unaufgeregter Schönheit und stiller Wucht, das nach Jahren der Distanziertheit neue emotionale Räume öffnet.
Radiohead haben sich in den Neunzigern mit „OK Computer“ als Propheten einer entfremdeten Zukunft eingeschrieben, ihre Radikalität mit „Kid A“ und „Amnesiac“ in abstrakte Klangarchitektur gegossen und mit „Hail to the Thief“ noch einmal ein überladenes Kaleidoskop der eigenen Möglichkeiten versucht. Doch mit „In Rainbows“ überrascht die Band, weil sie auf Umwegen wieder Nähe zulässt. Der heimliche Vorbote war Thom Yorke’s Solowerk „The Eraser“, das die elektronischen Experimente ausgelagert hat. Dadurch klingt das siebte Album wie eine Rückkehr zum Bandgefüge: Gitarren, Bass und Drums verschmelzen wieder, während Yorke’s Falsett mehr denn je schwebt.
„15 Step“ eröffnet mit fragmentierten Beats, die kurz an „Kid A“ erinnern, bevor Jonny Greenwood’s Gitarrenlinie alles in ein organisches Bandspiel überführt. „Bodysnatchers“ bricht mit roher Energie herein, während das seit Jahren kursierende „Nude“ endlich seine definitive, ergreifend fragile Gestalt erhält. Mit „Weird Fishes/Arpeggi“ entfaltet sich eine hypnotische Sogwirkung, die in „All I Need“ in überwältigende Klangflächen mündet. Gerade dort zeigt sich, wie die Band aus leisen Grundgerüsten monumentale Höhepunkte wachsen lässt. „Reckoner“ hingegen wirkt wie ein Manifest für Yorke’s Stimme: sein Falsett trägt, während Percussion und Streicher frostige Räume öffnen.
Das Artwork, gestaltet von Stanley Donwood, spiegelt diese Dualität: grelle Farben, die wie Explosionen wirken, liegen über dunklem Grund. So wie sich die Songs zwischen Intimität und eruptiver Weite bewegen, verschmelzen die Farbflächen von Leuchtgelb bis Tiefrot mit Schatten und Blau. „Videotape“ beschließt das Album mit dem Satz „You are my centre when I spin away“, einer fast privaten Geste, die dennoch als Schlusspunkt über das Kollektiv hinausstrahlt. „In Rainbows“ ist nicht das nächste stilistische Exil, sondern eine bewusste Erdung. Es zeigt Radiohead als Band, die nach Jahren des Experimentierens wieder die menschliche Seite entdeckt hat – und damit ihr kohärentestes Werk seit „OK Computer“ vorlegt.
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