PINK FLOYD The Endless River
PINK FLOYD’s letzter Grenzgang zwischen Erinnerung, Verlust und atmosphärischer Selbstzitation: ein stilles Vermächtnis mit Brüchen, Spannung, Licht und Schatten. Ein Album, das sucht, schwebt, schimmert und zugleich ermüdet.
Die fünfzigjährige Geschichte von Pink Floyd ist geprägt von Brüchen, Machtkämpfen, epochalen Visionen und ebenso langen Phasen des Schweigens. „The Endless River“ trägt all diese Spannungen in sich, zumal es auf Material zurückgreift, das aus den Sessions zu „The Division Bell“ stammt. Der Tod des Keyboarders Richard Wright verleiht dem Album eine nachträgliche Schwere, da große Teile der zugrunde liegenden Skizzen auf sein Konto gehen. Das macht dieses Werk allerdings nicht automatisch zu einem würdevollen Tribut, sondern eröffnet eine kritische Frage: Reicht die atmosphärische Grundwärme früherer Jahre aus, um Fragmenten aus den frühen neunziger Jahren Leben einzuhauchen, die ursprünglich nicht als Album gedacht waren?
Der Blick auf das Cover liefert den passenden Einstieg. Die Figur im Ruderboot, die über ein Meer aus Wolken in Richtung Horizont gleitet, wirkt hier weniger als metaphysisches Versprechen, eher als Bild für ein Werk, das strebt, tastet, manchmal hängen bleibt. Diese visuelle Weite findet sich in den Stücken „Things Left Unsaid“, „It’s What We Do“ und „Ebb and Flow“ wieder, die Wright’s Handschrift tragen, zugleich aber deutlich machen, wie viel von seiner texturalen Sensibilität verloren geht, wenn die musikalischen Ideen nicht über ein Skizzenniveau hinausentwickelt wurden. Die langen Flächen besitzen Charme, verlieren sich jedoch häufig im Unverbindlichen. Das gilt besonders für Passagen wie „Night Light“ oder „On Noodle Street“, deren Kürze und Redundanz den Verdacht bestätigen, dass hier eher Archivpflege als kompositorischer Wille am Werk war.
David Gilmour und Nick Mason agieren routiniert, dennoch bleibt ein spürbarer Abstand zwischen spielerischer Eleganz und emotionaler Relevanz. „Sum“ legt eine kurze, kraftvolle Reibung zwischen Gitarrenfiguren und Mason’s perkussiven Akzenten frei, bevor der Fluss wieder in jene ambienten Texturen zurückgleitet, die Wright’s Stil zwar ehren, aber selten eine klare Richtung entwickeln. „Skins“ zeigt den Drummer mit einem markanten Pattern, das sich jedoch zu schnell erschöpft. „Anisina“ deutet melodische Ambition an, bleibt jedoch seltsam unfassbar, als würde der Song nach Figuren greifen, die sich nicht formen lassen. Die prominent eingesetzte Stimme Stephen Hawkings in „Talkin’ Hawkin’“ verleiht dem Album zwar ein markantes Moment, kann allerdings nicht verdecken, wie schmal die kompositorische Substanz dahinter ist.
Erst im Schlussstück „Louder than Words“, dem einzigen Vocaltrack, entsteht ein wirklicher Song. Die Zeile „The sum of our parts, the beat of our hearts“ verweist auf die komplexe Gruppendynamik, ohne sie zu verklären. Gilmour’s Stimme trägt den Abschiedston mit einer Wärme, die an frühere Größe erinnert, zugleich aber zeigt, wie sehr dem Album weitere vokale Ankerpunkte fehlen. „The Endless River“ wirkt wie ein in Ehren gealtertes Notizbuch, dessen Seiten kostbar, aber unvollständig bleiben. Die historisch bedeutsame Bandkonstellation und der posthume Charakter verleihen dem Werk Gewicht, das es musikalisch nicht durchgängig einlöst. Als Dokument hat es Wert, als eigenständiges Studioalbum bleibt es ein Werk, das sich der Größe des eigenen Namens nicht dauerhaft annähern kann.
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