Melancholische Schattierungen und die Inszenierung der eigenen Unbeugsamkeit. MORRISSEY liefert auf seinem vierzehnten Studioalbum eine klanglich dichte Produktion ab, die zwischen orchestraler Grandezza und einer unerbittlichen inhaltlichen Verbitterung schwankt.
Eine einzelne, fast schon zwanghaft repetierte Silbe in der Eröffnung von „You’re Right, It’s Time“ setzt den Ton für ein Werk, das seine ästhetische Dichte aus der Verweigerung jeglicher moderner Glättung zieht. Morrissey nutzt hier eine spezifische Phrasierung, die weniger dem Melodiefluss als vielmehr einer statischen Behauptung dient. Diese vokale Haltung evoziert eine klangliche Distanz, die in ihrer bewussten Unzugänglichkeit an die spröden Momente früherer Aufnahmen erinnert, ohne deren poetische Offenheit zu übernehmen.
Diese demonstrative Starre findet ihre visuelle Entsprechung in der theatralischen Überzeichnung des Porträts, das die künstliche Erregung als einzige verbliebene Ausdrucksform markiert. Die Pose des Schreienden, eingefangen in einer nächtlichen Szenerie unter dem fahlen Licht eines Kreuzes, fungiert als bewusster Bruch mit jeglicher Intimität. Es geht hier nicht um ein authentisches Abbild, sondern um die Inszenierung eines Mannes, der die eigene Empörung als ästhetisches Produkt vor sich herträgt, während die musikalische Untermalung durch Joe Chiccarelli eine bemerkenswerte klangliche Tiefe erzeugt.
Strukturell bewegt sich das Album in einem Raum, der durch eine strategische Reduktion von Hooks und eine Zunahme atmosphärischer Dichte definiert ist. In „Boulevard“ wird diese Entscheidung besonders deutlich, wenn sich über fünf Minuten hinweg ein Crescendo aus Piano und Streichern aufbaut, das jedoch nie in eine befreiende Auflösung mündet. Die Musik verharrt in einem Zustand der permanenten Anspannung, was die inhaltliche Enge der Texte, etwa in der verschwörungstheoretischen Auseinandersetzung mit „Notre-Dame“, nur noch verstärkt.
Besonders in dem beinahe sakral anmutenden „Lester Bangs“ zeigt sich Morrissey als ein Künstler, der die eigene Historie nur noch als Steinbruch für neue Ressentiments nutzt. Die handwerkliche Brillanz der Band, insbesondere das präzise Gitarrenspiel von Alain Whyte und Jesse Tobias, bildet dabei das stabile Gerüst für eine Stimme, die zwar an Volumen nichts verloren hat, sich aber zunehmend in einer selbstgewählten Isolation verliert. Das Cover von Roxy Music’s „Amazona“ wirkt in diesem Kontext wie eine kurze Atempause, in der die ästhetische Strategie der permanenten Klage kurzzeitig zugunsten einer fremden Komposition zurückweicht.
Am Ende steht die Beobachtung einer künstlerischen Geste, die sich in ihrer eigenen Radikalität erschöpft hat. Die ursprüngliche mikrorhythmische Entscheidung der ersten Songs führt letztlich in eine klangliche Sackgasse, in der die handwerkliche Perfektion die inhaltliche Ermüdung kaum noch kaschieren kann.
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