Eine nostalgische Melancholie voller rauer Wucht prägt das Debüt von VIOLET GROHL, das mit verzerrten Gitarren und intimen Momenten eine düstere Indie-Rock-Atmosphäre heraufbeschwört.
Das Klicken eines Fingernagels auf einer Tischplatte, der bittere Geschmack von künstlichem Aceton, das den Drang des Knabberns unterdrücken soll. Es ist diese winzige, fast klinische Geste der Selbstdisziplinierung, mit der das Album einsetzt. Die Verweigerung einer unmittelbaren Komfortzone bestimmt den Rhythmus, noch bevor der erste Akkord überhaupt greift. Violet Grohl inszeniert diesen Einstieg im Eröffnungsstück „THUM“ nicht als bloße Anekdote, sondern als strukturelles Fundament einer permanenten Reibung. Aus dieser Isolation heraus entfaltet sich eine Dynamik, die sich schlagartig in fuzzed-out Gitarren entlädt. Der Gesang bleibt dabei seltsam ungerührt, eine distanzierte Beobachtung des eigenen Kontrollverlusts.
Dieses Spannungsverhältnis zwischen kalkulierter Pose und schmerzhafter Intimität bricht sich auch visuell Bahn. Das Albumcover – ein Schwarz-Weiß-Foto der Musikerin unter einem starren, burgunderroten Banner – verhandelt exakt diese Fragilität. Das Bild fungiert hier nicht als dekorative Illustration, sondern als visuelle Zuspitzung der Musik. Die Inszenierung im dichten Gras, umgeben von Pfeilen, zitiert das Pathos des klassischen Gothic-Folk, während die in sich gekehrte Haltung der Künstlerin jegliche theatralische Offensivkraft verweigert. Es ist das Bild einer sorgsam konstruierten Nahbarkeit, die im krassen Gegensatz zur brachialen Härte der darauffolgenden Klangwände steht. Die visuelle Melancholie fängt die Höreraufforderung auf, bevor die Produktion von Justin Raisen die vermeintliche Idylle systematisch zertrümmert.
Die Songs funktionieren in der Folge selten als klassische Erzählungen, sondern vielmehr als argumentative Belege für eine fundamentale Verweigerung von Gefälligkeit. Im schleppenden Alternative-Metal-Track „595“ transformiert Grohl die Vorlage einer vintage Etsy-Anzeige für eine Telefonsex-Hotline in ein dunkel schimmerndes Machtspiel. „I’ll be a star in your car / I’ll eat your liver“, flüstert sie über einen mahlenden Basslauf, der die sexuelle Aufladung sofort mit einer existenziellen Bedrohung kurzschließt. Die Lyrics werden hier zum sezierenden Werkzeug einer femme-fatale-Persona, die das Gegenüber mit kalkulierter Kälte ins Leere laufen lässt. Auch im wütenden „Cool Buzz“ bricht sich diese kompromisslose Haltung Bahn, wenn sie mit der Zeile „Shoot my favorite arrow / Through the mind that’s narrow“ die Ignoranz innerhalb einer exkludierenden Hardcore-Szene attackiert.
Die Musik verharrt dabei nie im reinen Retro-Zitat, sondern nutzt das historische Vokabular der Neunziger, um eine hochgradig gegenwärtige Isolation zu formulieren. Das Album endet schließlich in der totalen Reduktion von „Plastic Couch“, wo die akustische Hauchzartheit in einen metallischen skandinavischen Sturm kippt. Das anfängliche Motiv der nervösen Selbstkontrolle hat sich hier längst in eine weite, ungesicherte Offenheit aufgelöst.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
