Zwischen futuristischer Verfremdung und alter West-Romantik: Wie THE STROKES auf REALITY AWAITS die eigene Mythologie zerschlagen.
Es beginnt mit der systematischen Entkopplung der eigenen Stimme. Wenn Julian Casablancas im Auftaktstück „Psycho Shit“ durch ein dichtes Netz digitaler Tonhöhenkorrektur singt, ist das kein technischer Unfall und auch keine flüchtige Modeerscheinung, sondern die Verweigerung jener unmittelbaren Garagen-Intimität, die diese Band einst berühmt machte. Das eröffnende Arpeggio fordert eine Andacht ein, die vom Gesang umgehend unterlaufen wird. Die Vokale verzerren sich zu metallischen Schemen, als schiebe sich eine undurchdringliche Membran zwischen den Frontmann und sein Publikum.
Auf dem Albumcover reitet ein verblasster Cowboy auf einem Schimmel einer ungewissen Kulisse entgegen; eine Inszenierung amerikanischer Einsamkeit, die als visuelle Folie für die musikalische Verfremdung dient. Das ikonische Bild des furchtlosen, freien Solisten wird auf „Reality Awaits“ nicht melancholisch gefeiert, sondern in die künstliche Welt des modernen Studio-Prozessierens überführt. Wer hier nach der rohen Authentizität des New Yorker Post-Punk-Revivals sucht, trifft stattdessen auf eine bewusst konstruierte Fassade.
Diese stimmliche Entfremdung zieht sich als zentrales Ordnungsprinzip durch das gesamte Werk. In „Psycho Shit“ skizziert die Lyrik das Bild einer entmenschlichten, Distanz fordernden Existenz: „Like a bird of prey / That you like only from a safe distance away“. Der Gesang inszeniert sich nicht mehr als Ausdruck eines ungefilterten Innenlebens, sondern als ein artifizielles Produkt, das uns auf Abstand hält. The Strokes nutzen die Produktion unter der Regie von Rick Rubin in Costa Rica nicht für eine organische Rückkehr zu den Wurzeln, sondern für eine Zersplitterung ihrer angestammten Klangarchitektur.
Sogar in den geradlinigeren Momenten des Albums wird dieses Prinzip der Brechung konsequent aufrechterhalten. Während Nick Valensi und Albert Hammond Jr. in Stücken wie „Going Shopping“ ihre gewohnt präzisen, miteinander verzahnten Gitarrenlinien ausbreiten, legt sich die bearbeitete Stimme wie ein spöttischer Kommentar über das Fundament. Es entsteht ein Dauerzustand der Reibung. Das rhythmische Gerüst von Nikolai Fraiture und Fabrizio Moretti hält das Gefüge zusammen, doch die melodische Führung verweigert sich der gewohnten Direktheit.
Der konsequente Transfer von Stilelementen aus Casablancas’ Nebenprojekt The Voidz in den Kosmos von The Strokes markiert die entscheidende Weichenstellung dieser Schaffensphase. Was auf „The New Abnormal“ noch wie ein vorsichtiges Experimentieren am Rand wirkte, wird nun zum tragenden Fundament erhoben. Das Album verhandelt die eigene Diskografie nicht mehr als Kanon, der gepflegt werden muss, sondern als historisches Material, das beliebig verfremdet, unterbrochen und mit fremden Ästhetiken angereichert werden darf.
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