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RATBOYS The Window

2023

Eine offene, wehmütige Wachheit prägt dieses neue Album der RATBOYS, getragen von Nähe und Zurückhaltung zugleich. Ein Werk, das Verbundenheit behauptet und im selben Moment infrage stellt.

Die Ratboys haben mit „The Window“ ein Album vorgelegt, das sich früh als Erweiterung versteht. Schon der Auftakt sucht Größe, räumliche Weite, kollektive Energie. Die Band klingt entschlossener als zuvor, dichter geführt, rhythmisch klarer verzahnt. Diese neue Geschlossenheit erzeugt zunächst den Eindruck von Reife. Der Sound wirkt vorbereitet, kontrolliert, aufeinander abgestimmt. Gerade darin liegt eine erste Stärke des Albums. Die Songs tragen die Handschrift einer Gruppe, nicht mehr die eines losen Projekts. Diese Geschlossenheit ist real, sie ist hörbar. Sie verspricht Entwicklung. 

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Dieses Versprechen bleibt allerdings prekär. Die größere klangliche Fläche, die sich Ratboys hier erlauben, ersetzt nicht automatisch innere Bewegung. Viele Arrangements setzen auf Expansion, ohne zwingend Spannung zu erzeugen. Der Zugriff wird breiter, die Aussagen klarer, die Strukturen stabiler. Gleichzeitig verliert sich ein Teil der Reibung, die frühere Arbeiten lebendig hielt. Wo zuvor Unschärfe produktiv war, tritt nun Absicherung. Der Mut zur Offenheit kippt stellenweise in Wohlklang.

Das Albumcover verstärkt diese Ambivalenz. Die distanzierte, kühle Szene suggeriert Nähe, die nie betreten werden darf. Der Blick bleibt draußen, selbst dort, wo Licht Wärme verspricht. Diese visuelle Setzung korrespondiert mit der Musik, die Intimität thematisiert, sie aber häufig nur umkreist. Das Fenster fungiert nicht als Einladung, sondern als Grenze. Was als Verbindung gelesen werden könnte, erweist sich als kontrollierter Abstand. Diese Spannung prägt das Album stärker als seine erzählerischen Motive. 

Lyrisch arbeiten die Ratboys mit direkter Sprache, oft klar, manchmal fast demonstrativ schlicht. Zeilen wie „There’s no way you’ll control me again“ markieren Selbstbehauptung, verlieren ihre Schärfe jedoch durch Wiederholung. Auch der lange Atem von „Black Earth, WI“ entfaltet zunächst Sog, verliert im Verlauf aber an Notwendigkeit. Die Ausdehnung wirkt mehr behauptet als erarbeitet. Was als episch gelesen werden kann, bleibt strukturell fragil.

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Produzent Chris Walla sorgt für Transparenz und Ordnung. Seine Handschrift verleiht dem Album Form, nimmt ihm aber auch Risiko. Die Vielfalt der Klangfarben wirkt kalkuliert, selten gefährdet. Americana-Anleihen, Power-Pop-Gesten, folkige Momente stehen nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu destabilisieren. Das Album bleibt zugänglich, fast zu sehr. „The Window“ ist ambitioniert, ernsthaft, sorgfältig gebaut. Es zeigt eine Band, die gewachsen ist und genau weiß, was sie tut. Gerade diese Sicherheit verhindert jedoch, dass sich echte Dringlichkeit einstellt. Die Musik öffnet Räume, bleibt aber an der Schwelle stehen. Nähe wird beschworen, nicht durchlebt.

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70
außenraum
2023
The Window
ME-0638-RB

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

portrait
2015
Breathe In. Breathe Out.
ME-0634-NG
abstrakt
2010
Peace & Love
ME-0635-GG
abstrakt
2012
… Is With The Demon
ME-0636-KP
collage
2020
Daughter
ME-0637-LV
portrait
2020
Orca
ME-0639-TZ
portrait
2025
Allbarone
ME-0640-NG
collage
2020
Runaway Dog
ME-0641-OB
portrait
2014
The Future’s Void
ME-0642-LV