RADIOHEAD Amnesiac
RADIOHEAD zwischen Erinnerung und Vergessen: Wie AMNESIAC das experimentelle Erbe von Kid A weiterführt, dabei aber eigene Räume zwischen Jazz, Elektronik und Funeral-Balladen erschließt.
Als Radiohead im Jahr 2000 mit „Kid A“ die Rockwelt vor den Kopf stießen, war klar, dass ein Nachfolger nicht einfach als Rückkehr zu Gitarrenhymnen taugen würde. Stattdessen entstand mit „Amnesiac“ ein Werk, das in denselben Sessions aufgenommen wurde, jedoch ein eigenes Gewicht entfaltet. Wer im Vorfeld „Back to the roots“ erwartete, wurde schon mit dem ersten Track enttäuscht. „Packt Like Sardines in a Crushd Tin Box“ eröffnet die Platte mit metallisch klirrenden Rhythmen, pulsierendem Elektronikgeflecht und Thom Yorke’s trockenem „I’m a reasonable man, get off my case“. Wo einst Gitarren dominierten, regiert nun eine Atmosphäre aus Druck und Distanz, die den Ton für das gesamte Album setzt.
Das Cover, ein rotes Buch mit abgenutztem Rücken und kryptischer Zeichnung, spiegelt diese Haltung. Es sieht aus wie ein Artefakt aus einer anderen Zeit, voller Geheimnisse, die nur fragmentarisch sichtbar sind. Genau so wirkt die Musik: Erinnerungen, die brüchig zurückkehren, als ob man sie unter einem Schleier von Rauschen betrachtet. In „Pyramid Song“ entfaltet sich aus simplen Pianotakten eine der eindringlichsten Balladen der Bandgeschichte. „All my lovers were there with me, all my past and futures“ – eine Zeile, die wie ein Chor aus Zeitgeistern wirkt. Auch die politischen Untertöne, die Radiohead schon auf „OK Computer“ prägten, sind hier wieder präsent. „Dollars and Cents“ erhebt sich mit Jonny Greenwood’s Streichern zu einer Kritik an Macht und Markt, während „You and Whose Army?“ von einer leisen Klage zu einer eruptiven Anklage wächst.
Nicht jeder Versuch trägt gleichermaßen: „Pulk/Pull Revolving Doors“ verliert sich in Effekthascherei, „Hunting Bears“ bleibt ein skizzenhafter Zwischentrack. Doch spätestens „Like Spinning Plates“ und das finale „Life in a Glasshouse“ ziehen die Platte auf ein anderes Niveau. Letzteres, von Humphrey Lyttelton’s Trompete getragen, erinnert an eine düstere Jazzprozession und gibt dem Album seine letzte, bittere Note: „Of course I’d like to sit around and chat, but someone’s listening in.“ „Amnesiac“ ist kein Nebenwerk und keine bloße Sammlung von Resten. Es ist das zweite Gesicht derselben kreativen Explosion, die „Kid A“ hervorbrachte – kühler, fragmentierter, aber in seinen besten Momenten von unheimlicher Schönheit.
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