Moses Boyd – Dark Matter

In den letzten Jahren wurde der Jazz grundlegend überarbeitet. Eine neue Generation von Musikern ist aufgebrochen, die uns regelmäßig mit innovativer und zukunftsorientierter Musik beliefern. Eines der ersten Anzeichen für diesen Aufschwung war, als Moses Boyd – zusammen mit seinem Schlagzeugkollegen Binker Golding – 2015 einen MOBO für den besten Jazz-Act gewann. Ihr Debütalbum „Dem Ones“ war genau das, was die Szene brauchte, und zeigte ihre erstaunliches Talent, aber vor allem ihre Fähigkeit, die Klänge, die sie in der Schule, auf der Straße und im Club gehört haben, in einen sofort wirkenden Jazzklassiker zu integrieren. Um diese Zeit begann Boyd auch, seine eigene Musik zu veröffentlichen. Dazu zählen unter anderem „Rye Lane Shuffle“ und „Displaced Diaspora“, die seinen Sound steigerten und voluminöser machten.

Sein jüngstes Projekt „Dark Matter“ ist ein weiterer Schritt, der sich eher wie eine wahrere Einschätzung dessen anfühlt, worum es bei Boyd geht: Er hat seinen Sound mit elektronischen Motiven erweitert und drückt seine Liebe zu feuchten Basslines und zappeligen Synthesizern aus, die alle von einer Jazz-Sensibilität der Musik untermauert werden. Das Album beginnt mit „Stranger Than Fiction“. Nach einem Intro aus hauchdünnen Synthesizern mit scharfen Hörnern ist alles da: ein verschachteltes Spiel am Schlagzeug, kehlige Basslines und schmutzige Prahlerei kratziger Hörner – das alles in einem sehr ansprechenden Verhältnis zueinander.

Wie bei früheren Veröffentlichungen wurde auch sein Debüt-Soloalbum über Boyd’s eigenes Label Exodus realisiert. „Dark Matter“ zeigt auf wundervolle Weise den Crossover und die Schattierungen, die Boyd durch aufgenommene Rhythmusmuster in das Album hineingedrückt hat. Er kreiert einen Teppich aus Störgeräuschen, Afrobeat und Klängen des Londoner Undergrounds, kombiniert mit seiner jahrelangen Ausbildung im Jazz. Boyd ist ein erfahrener Produzent, der kunstvoll warme akustische Töne mit stürmischen elektronischen Samples verbindet. Manchmal wirkt es zwar ein wenig überproduziert, wenn seine geschmackvollen Melodien aus Schichten von Handclaps, Synths und welligen Bässen überlagert werden, wie bei „Nommos Descent“ beispielsweise. 

Dies ist letztlich eine Platte, die versucht, die komplizierte Energie der Jazzimprovisation in eine orchestrierte Studioproduktion zu bringen. Der Versuch ist gelungen und hat Moses Boyd vom Jazzmusiker zu einem Produzenten aufsteigen lassen, der es versteht, auch Jazz zu spielen.