LED ZEPPELIN Coda
Das späte LED ZEPPELIN-Echo: CODA als flackernde Rückblende, als fragmentarisches Klangarchiv, als unstete Spurensammlung zwischen Blues, Funk, Hard Rock und geisterhaften Studiohälften. Robert Plant ringt hier mit wechselnden Gesten, Jimmy Page skizziert glühende Linien, John Bonham hinterlässt ein letztes Dröhnen, das in der gesamten Langspielplatte nachbebt.
Ein geöffnetes Klangarchiv aus zwölf Jahren Bandgeschichte entfaltet sich in „Coda“, eine Sammlung von Rohzuständen, Live-Resten, Studiofragmenten, die weniger einen Abschluss markieren, sondern ein schwebendes Spannungsverhältnis aus Rückschau, Unruhe, abrupten Schnitten. Der Schriftzug auf dem Cover – diese langen, schmalen Buchstaben, durchzogen von einer feinen Vertikalachse – markiert die Platte als etwas Geordnetes, beinahe Bürokratisches, zugleich lässt die beige Fläche dahinter ein fahles Licht entstehen, das die Musik in eine merkwürdig entrückte Umgebung versetzt. Zwischen diesem grafischen Minimalismus und der eruptiven Körperlichkeit der Songs entsteht eine Reibung, die für die gesamte Hörerfahrung prägend ist.
„We’re Gonna Groove“ eröffnet mit rauer Direktheit, ein Live-Rest, dessen Überarbeitungen die Energie nicht glätten, sondern schärfen. Plant’s Stimme bewegt sich in einem Wechselspiel aus eruptiver Kraft und kurzen, brüchigen Schwankungen, als spreche sie aus einer Zwischenzone von 1970 und 1980. Bonham’s Trommeln schlagen hier breite Schneisen, Page legt flirrende Gitarren darüber, Jones hält mit Basslinien dagegen, die das Arrangement stabilisieren. „Poor Tom“ zeigt eine andere Seite: die kantige Eleganz des Rhythmus, das ziselierte Zusammenspiel aus akustischen Gitarren und diesem luftigen, doch unruhigen Shuffle, der wie ein verblasster Dialog mit frühen Folk-Ideen wirkt. In „I Can’t Quit You Baby“ gewinnt der bluesige Kern an Härte, die Stimme wirkt schwerer, ironisch gefärbt, als bette sie ihre Linien in einen Raum, der von den entfernten Resten des Live-Moments geprägt bleibt.
Die zweite Plattenhälfte öffnet das Klangbild weiter. „Bonzo’s Montreux“ atmet eine nervöse Beweglichkeit, eine Percussionlandschaft, die zwischen kontrollierter Konstruktion und ungezähmtem Impuls pendelt. Die elektronische Überformung intensiviert dieses Gefühl eines geisterhaften Nachklangs. „Wearing and Tearing“ schließlich schleudert uns in wuchtige Old-School-Schübe, fast schon ein Kommentar auf die jüngsten Verwerfungen in der Rockmusik. Die stilistischen Brüche – zwischen Blues, Funk, Hard Rock, improvisatorischen Zonen – bleiben unüberhörbar, zugleich offenbaren sie die veränderte Dynamik im Klangkörper: Bonham’s Dominanz, Page’s scharf gezogene Gitarrenfiguren, Jones’ wechselndes Fundament aus Bass und Keyboards.
„Coda“ lässt sich als Schlussstrich lesen, auch als Übergangswerk, vielleicht als zufällige Sammlung mit archivalischer Offenheit. Doch gerade dieses unstete Gefüge, diese roh belassenen Tonspuren, diese punktuellen Studioüberformungen drücken etwas aus, das über reine Vertragserfüllung hinausgeht. Die Platte oszilliert: zwischen Rückschau und Fragment, zwischen Selbstbehauptung und leisem Ausfransen in unbestimmtes Terrain. Vielleicht ist darin der eigentliche Kern dieser Veröffentlichung zu finden – in einer Musik, die ihre eigene Form nicht mehr erzwingt und gerade deshalb noch einmal aufscheint.
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