LAMBERT I Am Not Lambert
Elegisch fließende Melodien treffen auf eine neue interpretative Offenheit, in der LAMBERT die gewohnte Intimität des Klaviers durch vokale Gastbeiträge und eine überraschende stilistische Breite zu einem vielschichtigen Pop-Entwurf erweitert.
Das prägende Element findet sich in der Attack des Anschlags, die nun einer fast beiläufigen Weichheit gewichen ist. Wo frühere Aufnahmen von Lambert die Isolation des Solisten durch eine mechanische Präzision betonten, regiert auf diesem Album eine bewusste Unschärfe in der Artikulation. Das Klavier agiert nicht mehr als dominantes Zentrum, sondern zieht sich in eine begleitende, tastende Rolle zurück. Diese klangliche Zurücknahme ermöglicht eine strukturelle Öffnung, die den Raum für externe Impulse erst freigibt.
Die Reduktion der pianistischen Dominanz materialisiert sich in einer Produktion, die Schichtungen über solistische Klarheit stellt. Es ist eine strategische Verweigerung der Virtuosität zugunsten einer kollektiven Textur. In “Spirit” nutzt der Künstler eine Vocoder-Stimme, um die eigene Identität klanglich zu zerstäuben, was die visuelle Strategie des Albums konsequent fortsetzt. Das Albumcover, auf dem das vertraute Maskengesicht nur noch als verschwommene, fast schmerzhaft überbelichtete Reminiszenz erscheint, beglaubigt diesen Prozess der Entmaterialisierung. Es markiert den Punkt, an dem die Pose der Verborgenheit in eine neue, weitaus vulnerablere Form der Sichtbarkeit kippt, ohne den Schutzraum der Inszenierung vollständig aufzugeben.
Durch die Integration von Gästen wie Kat Frankie oder Rob Goodwin verschiebt sich die funktionale Logik der Kompositionen. In “The Sum” wird das Klavier zu einem rhythmischen Skelett degradiert, das lediglich die Basis für ein souliges Timbre liefert. Die Musik ordnet sich der Dynamik der Stimmen unter, was zu einer für dieses Projekt untypischen Zugänglichkeit führt. Diese Hinwendung zum Songformat wirkt wie eine kontrollierte Dekonstruktion des bisherigen Markenrechts. Die Einflüsse von Jazz-Elementen, deutlich hörbar in der Trompete von Kenny Warren in “You Don’t Like Me”, wirken dabei wie Ankerpunkte einer Ausbildung, die nun als Zitatmasse genutzt wird.
Strukturell bricht das Album mit der Erwartungshaltung an die Neoklassik, indem es das Schlagzeugspiel – etwa in “The Chase” – als gleichberechtigtes erzählerisches Mittel einsetzt. Die rhythmische Dichte nimmt zu, während die harmonische Komplexität zugunsten von atmosphärischer Konsistenz stagniert. “It Will Happen Either Way” beschließt die Sammlung mit einer Fragilität, die keine Auflösung anbietet. Die Anfangsbeobachtung der veränderten Attack bestätigt sich hier final: Das Instrument wird nicht mehr geschlagen, es wird nur noch berührt, während die Konturen des Urhebers endgültig im Ensembleklang diffundieren.
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