KEIYAA Forever, Ya Girl
KEIYAA schreibt mit FOREVER, YA GIRL ein Kapitel schwarzer Musikgeschichte, das Spiritualität, Wut und Selbstfürsorge in ein klares, unversöhnliches Klangbild übersetzt.
„Forever, Ya Girl“ ist kein Debüt im klassischen Sinn. Es ist das Resultat jahrelanger Selbstbefragung, produziert in prekären Wohnungen, zwischen existenzieller Unsicherheit und künstlerischer Entschlossenheit. KeiyaA, geboren als Chakeiya Richmond in Chicago, formt hier eine Musik, die aus der Geschichte des Jazz ebenso schöpft wie aus dem Staub der Lo-Fi-Produktion. Ihr Studium der Saxophonmusik bleibt spürbar: in den verschachtelten Harmonien, den organischen Übergängen, den bewussten Brüchen. Sie führt das Erbe ihrer musikalischen Ahninnen weiter, ohne deren Pathos zu imitieren.
Das Album wirkt wie ein geheimer Monolog über Überleben. In „Hvnli“ singt sie: „Gone for so long, I prefer to spend time alone with my pain.“ Diese Zeile markiert den emotionalen Kern der Platte. Schmerz wird nicht ästhetisiert, sondern als alltägliche Erfahrung seziert. Aus diesem Schmerz entsteht Energie: dissonant, flirrend, trotzig. Die Beats sind roh, die Übergänge abrupt, die Stimmen geschichtet wie Fragmente eines inneren Gesprächs. KeiyaA arbeitet fast vollständig allein, unterstützt nur punktuell von MIKE alias DJ Blackpower. Der Verzicht auf externe Kontrolle ermöglicht eine Nähe, die selten geworden ist.
Songs wie „Rectifiya“ oder „I Want My Things!“ zirkulieren um Selbstermächtigung, ohne in Parolen zu kippen. In „Negus Poem 1 & 2“ fragt sie: „Who is supposed to ride or die for me if not I?“ – kein heroisches Statement, sondern ein nüchternes Eingeständnis. Ihre Lo-Fi-Ästhetik ist keine Pose, sondern Ausdruck struktureller Bedingungen: begrenzte Mittel, unbegrenzte Vorstellungskraft. Auch das Cover spricht diese Sprache: KeiyaA blickt direkt in die Kamera, die Schultern nackt, der Hintergrund karg. Die Schrift wirkt handgemalt, fast kindlich, ein Kontrast zur Schwere des Schwarz-Weiß-Porträts.
Hier entsteht keine Ikone, sondern eine reale Person, die die Kontrolle über ihr Bild behält. Das Album lässt sich als Selbstporträt einer Generation lesen, die sich weigert, ihre Verletzungen zu verbergen. „Forever, Ya Girl“ balanciert zwischen R&B, Spoken Word und experimenteller Collage. Der Sound bleibt fragmentarisch, manchmal sperrig, nie gefällig. Die Gesangslinien gleiten über schiefe Akkorde, während Sample-Reste und field recordings sich ineinander verhaken. Ihre Stimme klingt entrückt und zugleich intim, als spräche sie durch eine Glasscheibe. Diese Distanz ist Teil der Aussage: Nähe ist hier nie selbstverständlich, sie muss sich gegen den Lärm der Welt behaupten.
Im Schlusstrack „Keep It Real“ klingt Erschöpfung durch, aber auch Beharrlichkeit. Der Zyklus schließt sich nicht, er bleibt offen, als Einladung zur Selbstprüfung. „Forever, Ya Girl“ ist kein perfektes Album, zu spröde für Pop, zu kantig für Soul. Es ist vielmehr ein Werk, das R&B aus der Komfortzone zieht und den Begriff von Intimität neu verhandelt.
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