CLAIRE DITERZI Fille de
CLAIRE DITERZI verknüpft mit FILLE DE russische Tragödie, feministische Selbstbehauptung und barocke Pop-Oper zu einem schillernden Album zwischen Anachronismus, Humor und kompromissloser Dramatik.
Seit Jahrzehnten gehört Claire Diterzi zu den eigenwilligsten Stimmen der französischen Musiklandschaft, doch mit ihrem achten Album „Fille de“ hebt sie ihre Kunst erneut auf eine andere Ebene. Auslöser war die obsessive Beschäftigung mit Tolstoï’s Anna Karénine, deren Schluss – der Suizid der Protagonistin – zum Ausgangspunkt für Diterzi’s eigene Fortsetzung wird. Statt die tragische Mutterfigur zu beschwören, stellt sie deren Tochter Anny ins Zentrum: eine junge Frau, die Russland verlässt, nach Frankreich zieht und den Traum verfolgt, Schlagzeugerin in einer Rockband zu werden. So wird das Album zur Collage über Herkunft, Flucht und Widerstand, ein musikalisches Manifest darüber, „comment on sauve sa peau quand on est une femme aujourd’hui“.
Musikalisch baut Diterzi Brücken zwischen New Wave, lyrischem Gesang und den schweren Klangräumen des Opernhaften. Auf „Fille de“ selbst hämmert ein refrainscharfer Satz wie eine Losung: „On ne naît pas fille de, on le devient, ou pas“. Elektronische Drums stoßen an Chöre orthodoxer Färbung, billige Casio-Sounds reiben sich an Gitarrenriffs, während ihre unverwechselbare Stimme Figuren beschwört, die zugleich aus der russischen Steppe und einer Pariser Seitenstraße zu stammen scheinen. Das barocke Arrangement von „Vents contraires“ entfaltet eine zerbrechliche Hoffnung, während „Vous n’aurez pas ma peur“ mit mantrischen Wiederholungen ins Unheimliche gleitet. In „Envole-nous“, ihrer Neuinterpretation des Goldman-Klassikers, bekommt die kollektive Sehnsucht nach Freiheit eine fast gespenstische Dimension.
Auch visuell trägt das Werk seine Handschrift: Das Cover zeigt Diterzi in strengem Schwarz, ein schwerer Schmuckkragen und ein dunkler Schleier verwandeln sie in eine Mischung aus Zarin und Geist. Der Blick wirkt unbeirrbar, so als würde sie direkt aus dem Roman auf die Gegenwart treten. Diese Inszenierung korrespondiert mit den Songs, die immer wieder Geister anrufen, das Erbe beschwören und gleichzeitig unterlaufen. Humor und Tragik gehen dabei Hand in Hand, wenn ein Kinderreim plötzlich in martialische Rufe kippt oder orthodoxe Knabenchöre zu ironischen Kommentatoren der Macht werden. Mit „Fille de“ knüpft Claire Diterzi an ihre lange Tradition der Grenzüberschreitungen an.
Nach Stationen im Punk, im Theater und als erste Popmusikerin in Residenz an der Villa Medici zeigt sie erneut, dass sich Autonomie und künstlerische Radikalität nicht ausschließen. Ihre Alben sind längst keine bloßen Tonträger mehr, sondern Partituren für hybride Bühnenwerke, in denen Musik, Bild und Körper eine Einheit bilden. Dass dieses Album zugleich zugänglich und sperrig bleibt, macht es so bestechend: ein Werk, das seine Zuhörerinnen nicht umarmt, sondern herausfordert, verunsichert, verführt.
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