METALLICA …And Justice for All
METALLICA setzen Gerechtigkeit unter Strom, zerlegen Thrash in Disziplin und Zweifel. Ein Album ohne Trost. Ohne Abkürzungen. Mit eisernem Willen.
Mit „…And Justice for All“ veröffentlichen Metallica im Sommer 1988 ein Werk, das nicht versöhnt, sondern fordert. Zwei Jahre nach „Master of Puppets“ steht die Band unter enormem Druck. Der Tod von Cliff Burton hat eine Lücke gerissen, die sich nicht schließen lässt. Jason Newsted tritt als neuer Bassist in eine Formation ein, die ihre Identität neu vermessen muss. Die monatelangen Aufnahmen in den One on One Recording Studios in Los Angeles zeigen eine Band, die Kontrolle über alles gewinnen will, was ihr entglitten ist. Produzent Flemming Rasmussen kehrt zurück, nachdem ein früher Anlauf mit Mike Clink ins Leere lief. Der Arbeitsprozess ist streng durchgetaktet, jede Struktur vorab festgelegt, jede Bewegung kalkuliert. Spontaneität spielt keine Rolle mehr.
Musikalisch treibt das Album die innere Logik des Thrash Metal an einen Rand, an dem Wiedererkennbarkeit zur Nebensache wird. Lange, verschachtelte Kompositionen ersetzen klassische Dramaturgie. „Blackened“ eröffnet mit trügerischer Ruhe, bevor das Stück in eine Serie aus Riffkaskaden kippt, die kaum Atem lassen. Der Titeltrack dehnt diese Idee auf fast zehn Minuten aus, mit abrupten Richtungswechseln und einer Rhetorik der Überforderung. Metallica zeigen hier weniger Hunger als Disziplin. James Hetfield’s Gesang wirkt schärfer, distanzierter, fast wie ein weiteres perkussives Element.
„One“ bildet den emotionalen Kern des Albums. Die langsame Eskalation vom akustischen Einstieg zur finalen Salve ist präzise gebaut und thematisch konsequent. Zeilen wie „Darkness imprisoning me“ verdichten das Gefühl totaler Isolation, das sich durch das gesamte Album zieht. Auch „The Shortest Straw“ und „Dyers Eve“ arbeiten mit aggressiver Zuspitzung, während „Harvester of Sorrow“ im Midtempo erstarrt und seine Schwere aus Wiederholung bezieht. Das Instrumental „To Live Is to Die“ trägt Fragmente von Burton’s Vermächtnis in sich, bleibt aber in seiner Länge unfokussiert.
Das Cover verstärkt diesen Eindruck von Kälte und Entmenschlichung. Die zerbrochene Justitia, gefesselt und blind, mit Geldscheinen in den Waagschalen, ist keine Allegorie, sondern eine Anklage. Sie spiegelt die Musik, die Ordnung erzwingt und dabei jedes Gefühl von Wärme opfert. Problematisch bleibt der Sound. Der Bass ist kaum präsent, das Schlagzeug wirkt trocken und körperlos. Diese Entscheidung raubt vielen Passagen ihre physische Wucht und lässt das Album stellenweise klinisch erscheinen. Trotz technischer Brillanz fehlt es an Tiefe im Klangbild. „…And Justice for All“ ist ein mutiges, kompromissloses Album, das seinen Anspruch ernst nimmt. Es ist bedeutend, aber nicht makellos. Seine Größe liegt im Willen zur Härte, nicht in emotionaler Zugänglichkeit.
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