ANGINE DE POITRINE Vol.I
Eine hypnotische Reise durch mikrotonale Labyrinthe voller rhythmischer Präzision markiert das Debüt von ANGINE DE POITRINE als eines der eigenwilligsten Instrumentalwerke des Jahres. Die kanadischen Brüder erschaffen eine klangliche Welt, die zwischen mathematischer Strenge und psychedelischer Auflösung oszilliert.
Das markanteste Merkmal dieser Aufnahme ist ein trockenes, fast hölzernes Klacken, das als rhythmisches Skelett fungiert und jede harmonische Ausschweifung sofort wieder erdet. Es ist kein gewöhnlicher Schlagzeugsound, sondern eine bewusste Entscheidung für eine klangliche Mattheit, die im krassen Gegensatz zu den flirrenden, metallischen Obertönen der Saiteninstrumente steht. Diese perkussive Nüchternheit bildet das Fundament, auf dem sich die komplexen Schichtungen entfalten können, ohne in instrumentale Beliebigkeit abzugleiten.
Hinter dem Projekt Angine de Poitrine stehen die Brüder Khn und Klek, die auf ihrem Erstling “Angine de Poitrine – Vol. I” eine Form des musikalischen Dialogs praktizieren, die jegliche konventionelle Rock-Dramaturgie verweigert. Die Stücke entwickeln sich nicht über klassische Steigerungen oder Refrains, sondern über das Prinzip der subtilen Addition und Subtraktion. In “Sherpa” wird diese Methode deutlich, wenn sich chromatische Phrasen in Vierteltönen übereinanderlegen und ein harmonisches Gitter erzeugen, das das westliche Ohr zunächst irritiert und dann in einen Zustand der Trance versetzt.
Die visuelle Inszenierung der Musiker in ihren gepunkteten Masken mit den goldenen Pyramiden ist dabei keine bloße Kostümierung, sondern die notwendige ästhetische Konsequenz einer Musik, die sich als vollkommen künstliches, fast außerweltliches System begreift. Diese bewusste Theatralik schafft eine Distanz, die uns zwingt, sich auf die strukturelle Beschaffenheit der Klänge zu konzentrieren, statt nach einer vermeintlich authentischen emotionalen Botschaft zu suchen. Die Maskerade fungiert als Schutzraum für eine musikalische Radikalität, die sich in Stücken wie “Tamebsz” in asymmetrischen Grooves verliert.
Technisch stützt sich das Album auf den Einsatz von Looping-Modulen und mikrotonalen Doppelhals-Gitarren, was zu einer hohen Dichte an Informationen führt. Khn de Poitrine nutzt die Agilität seiner Technik, um Motive in Echtzeit zu spiegeln und zu transformieren, während die Drums von Klek de Poitrine mit einer fast stoischen Gelassenheit dagegenhalten. Die Produktion von Gabriel Gagné Gaudreault fängt diese Interaktion mit einer Klarheit ein, die jedes Detail der Saitenarbeit hörbar macht, ohne den organischen Schmutz der Live-Entstehung zu glätten. “Ababa Hotel” zeigt exemplarisch, wie diese klangliche Architektur aus kleinen, repetitiven Zellen ein gewaltiges, instabiles Gebäude errichtet, das erst durch die rhythmische Disziplin zusammengehalten wird.
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