JAY SOM Turn Into
Zwischen Traum, Selbstsuche und Verzerrung: JAY SOM entfaltet auf TURN INTO das Innenleben einer neuen Indie-Generation. Zwischen Unruhe, Melancholie und schwebender Gitarrenpoesie in einem selbstgebauten Klangraum voller Intimität und Widerstandskraft.
Aus einem provisorischen Schlafzimmerstudio in San Francisco entsteht 2016 ein Album, das zwischen Scheu und Selbstbewusstsein vibriert. Melina Duterte, die unter dem Namen Jay Som firmiert, erschafft mit „Turn Into“ ein Werk, das ungeschliffen klingt und doch von präziser Hand geführt wird. Ursprünglich als spontane Bandcamp-Veröffentlichung gedacht, entwickelt sich diese Sammlung aus neun Songs zu einem Manifest für DIY-Pop und weibliche Autonomie. Duterte spielt jedes Instrument selbst: Trompete, Gitarre, Bass, Schlagzeug. Ihr Raum wird zum Labor, ihr Mikrofon zum Verbündeten.
Der Opener „Peach Boy“ legt die Richtung fest: schillernde Akkorde, leicht verwischte Harmonien, eine Stimme, die fast zu leise in die Textur hineingesungen scheint. Der folgende Track „Ghost“ tastet sich in dunklere Zonen vor, wo Furcht und Nähe ineinanderfließen. „Being scared is a huge theme of the album“, sagte Duterte einst. Diese Angst bleibt kein Makel, sondern Material, das sie verwandelt. In „Next to Me“ kippt das Zögern in offene Wut: „I’m waiting too long, I’ve had it, I want to scream“, ruft sie und das Gitarrenrauschen antwortet wie ein plötzliches Aufbäumen. Die Mitte des Albums schwebt in einem milchigen Dämmerzustand.
„Drown“ gleitet in ein My-Bloody-Valentine-artiges Flirren, „Our Red Door“ öffnet sich zu einem hallverhangenen Innenraum, in dem Zeit zu dehnen scheint. Über allem liegt jene träumerische Distanz, die auch das Albumcover einfängt: eine Überlagerung aus weichen Farben, Rosé und gebleichtem Ocker, wie Blüten, die zugleich welken und aufblühen. Der Blick nach oben – nicht in den Himmel, sondern in eine stille Explosion von Farbe – spiegelt die Ambivalenz der Musik: schön, aber verletzlich, zart, aber unruhig. In „Unlimited Touch“ und „Why I Say No“ verschiebt sich der Fokus: Die Songs klingen fließender, fast körperlich, als wolle Duterte zeigen, dass emotionale Klarheit keine Lautstärke braucht.
Der Schlusstitel „Turn Into“ bündelt das alles zu einem stillen Finale. „My shadow disappeared, been gone for several years“, singt sie, und in diesem Satz liegt die ganze Spannung zwischen Verlust und Neubeginn. Die Musik wirkt wie eine Rückkehr, doch nicht zu sich selbst, sondern zu einer neuen Form des Ichs – transparenter, entschiedener, weiter. „Turn Into“ ist kein makelloses Album, sondern ein schwebendes Dokument des Werdens. Es zeigt, was passiert, wenn jemand nicht wartet, bis Perfektion erreichbar scheint, sondern aufnimmt, solange die Unruhe brennt. In diesem Sinn bleibt Jay Som eine leise Revolutionärin der Intimität: eine Künstlerin, die den Zufall als Haltung versteht.
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