ABIGAIL LAPELL Shadow Child
Eine karge Akustik zwischen maritimer Tragödie und dem Zittern vor der Ankunft: ABIGAIL LAPELL entwirft mit ihrem neuen Album SHADOW CHILD eine intime Anatomie des Wartenkönnens.
Das Pfeifen beginnt als bloße Atempause. In „Whistle Song (One In A Million)“ setzt Abigail Lapell dieses oft als dekoratives Beiwerk missverstandene Element so karg und kontrolliert ein, dass es die gesamte Statik des Eröffnungsstücks übernimmt. Es ist kein fröhliches Dahinplätschern, sondern eine schneidende, fast schrille Linie, die sich gegen die Sanftheit der akustischen Gitarre stemmt. Diese Entscheidung zur Reduktion, zum Verzicht auf die flächige Band-Ästhetik der Vorgängerwerke, markiert eine Zäsur. Wo frühere Aufnahmen noch im dichten Nebel des Folk-Rock badeten, herrscht hier eine klinische, fast unheimliche Klarheit.
Diese Klarheit korrespondiert mit einer visuellen Ordnung, die das Albumcover vorgibt: Ein in Segmente unterteilter Kreis, der wie eine botanische Schautafel oder ein mittelalterliches Astrolabium wirkt. Es inszeniert die Intimität der kommenden neun Monate nicht als vage Gefühlsduselei, sondern als eine fast wissenschaftliche, aber höchst instabile Kartografie. Die Künstlerin zeigt sich nicht selbst; sie lässt Symbole – das Herz, den Vogel, das Meer – für einen Zustand sprechen, der zwischen biologischer Determination und existenzieller Angst schwankt. Es ist die visuelle Entsprechung zu einer Musik, die sich weigert, das Private durch Pose zu beglaubigen, und stattdessen auf die Kraft der strukturellen Verdichtung setzt.
Abigail Lapell nutzt die Stimmen ihrer Mitstreiterinnen wie Jill Barber oder Frazey Ford nicht zur harmonischen Sättigung, sondern als klangliche Reibungsflächen. Im Titelstück „Shadow Child“ erzeugt das Theremin von Michael Phillip Wojewoda eine eiskalte Aura, in der die Stimmen wie Geistererscheinungen wirken. Die thematische Klammer der Gestation wird dabei zur kompositorischen Fessel: Neun Lieder für neun Monate, ein unerbittlicher Taktgeber, der jede Form von Redundanz verbietet. In „Little Cannibal“ bricht diese mühsam aufrechterhaltene Beherrschung auf. Die Perkussion und das Cello von Peggy Lee treiben den Gesang in eine fast aggressive Körperlichkeit, die das Bild der aufopferungsvollen Mutter radikal dekonstruiert: „I will wrap you in the skin of an animal / feed you from my own breast.“
Die Texte von Abigail Lapell verweigern sich der einfachen Erzählung, sie suchen die Wahrheit in der Metapher der Katastrophe. „So Long“ nutzt das Bild eines Schiffsunglücks, um über reproduktive Autonomie zu verhandeln, während die Baritongitarre einen bleiernen Rhythmus vorgibt. Es ist eine Musik der Grenzbereiche, ein „ontologisch verschwommener Status“, wie die Künstlerin selbst den Zustand des Ungeborenen beschreibt. In der Schlichtheit von „Sing A Rainbow“ findet dieses komplexe Geflecht aus Verlust und Hoffnung schließlich eine Form der Ruhe, die jedoch durch die vorangegangene Strenge alles andere als harmlos wirkt. Es bleibt die Erkenntnis einer strukturellen Fragilität, die weit über das Sujet der Mutterschaft hinausweist.
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