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ANGINE DE POITRINE Vol.II

2026

ANGINE DE POITRINE entwerfen mit ihrem neuen Album VOL. II eine hochfrequente Klanglandschaft aus mathematischer Präzision und anarchischem Spieltrieb. Die mikrotonale Architektur bricht gewohnte Hördynamiken radikal auf und transformiert technische Komplexität in eine rauschhafte, physisch greifbare Erfahrung.

Dissonanz beginnt hier nicht als Bruch, sondern als geometrische Notwendigkeit. Wenn Khn de Poitrine auf seiner modifizierten Gitarre Intervalle ansteuert, die zwischen den tastbaren Sicherheiten der westlichen Chromatik liegen, dann ist das kein bloßer Effekt, sondern eine Verweigerung der Konsonanz als Komfortzone. Die mikrotonale Verschiebung fungiert als struktureller Anker, der sich durch das gesamte Werk zieht und jede melodische Erwartung bereits im Ansatz dekonstruiert. Es ist eine Musik der Zwischenräume, die ihre Spannung aus der permanenten Reibung an der eigenen Systematik bezieht.

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Die rhythmische Instanz von Klek de Poitrine agiert dabei weniger als Metronom denn als dialektischer Partner. In Stücken wie „Fabienk“ oder „Mata Zyklek“ korrespondiert das Schlagwerk mit den Saiteninstrumenten in einer Weise, die das Prinzip der Begleitung vollständig aufhebt. Die Takte dehnen sich, ziehen sich ruckartig zusammen und erzeugen eine polyrhythmische Dichte, die in ihrer Konsequenz fast mechanisch wirkt, wäre da nicht diese unterschwellige, fast manische Spielfreude. Die Produktion von Tek de Poitrine lässt diesen Instrumenten einen harten, beinahe klinischen Raum, der jede mikrorhythmische Entscheidung schonungslos exponiert.

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Das visuelle Manifest des Covers mit seinen gepunkteten, anonymisierten Gestalten vor dem gelben Dreieck unterstreicht diese bewusste Künstlichkeit und die Distanz zum menschlichen Maß. Es ist die radikale Absage an die Authentizität des Rock-Gestus, eine Maskerade, die das Individuum hinter der mathematischen Struktur verschwinden lässt. Angine de Poitrine nutzen diese theatrale Überzeichnung, um die Aufmerksamkeit vollkommen auf die physische Realität des Klangs zu lenken; die Pose dient hier als Schutzschild gegen jede Form von emotionaler Vereinnahmung oder oberflächlicher Identifikation.

In „UTZP“ kulminiert diese Strategie in einem beinahe karnevalistischen Taumel, der osteuropäische Folklore-Elemente durch den Wolf des Progressive Rock dreht. Die verfremdeten, wortlosen Vokalisierungen fungieren dabei als rein klangliche Textur, die sich nahtlos in das dichte Geflecht aus Delays und Verzerrungen einfügt. Es entsteht eine Form von Kommunikation, die keine semantische Ebene mehr benötigt, da die Information bereits in der Frequenz und im Timing liegt. Die Musik fordert eine aktive, fast schon analytische Teilhabe ein, ohne dabei den Bezug zur kinetischen Energie des Moshpits zu verlieren.

Gegen Ende des Albums, besonders in „Angor“, weicht die nervöse Energie einer bedrohlichen, marschartigen Schwere. Die Wiederholung wird hier zum Selbstzweck, ein hypnotisches Kreisen um ein Zentrum, das sich nie ganz offenbart. Vol. II endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit der Feststellung einer strukturellen Grenze, die das Duo mit einer fast schon arroganten Sicherheit vermisst hat. Es bleibt das Echo einer Ordnung, die sich im Chaos perfekt eingerichtet hat.

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84
illustration
2026
Vol.II
AW-0185-SG

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

portrait
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