TANYA TAGAQ Retribution
TANYA TAGAQ entwirft mit RETRIBUTION eine bedrohliche Klanglandschaft, die politische Dringlichkeit und archaische Gewalt untrennbar miteinander verwebt. Das Album bricht radikal mit herkömmlichen Songstrukturen und fordert durch seine kompromisslose Performance eine intensive Auseinandersetzung mit globalen Krisen ein.
Ein einsames Keuchen, das sich gegen den Widerstand der eigenen Lungen stemmt, bildet den skelettierten Kern dieser Aufnahme. Es ist eine mikrorhythmische Entscheidung, die Inhalation nicht als bloße Vorbereitung auf den Ton, sondern als gleichberechtigtes klangliches Ereignis zu inszenieren. Tanya Tagaq nutzt diese Technik des Katajjaq, um eine physische Präsenz zu evakuieren, die weit über die Grenzen konventioneller Vokalistik hinausgeht. In den ersten Momenten von “Ajaaja” wird deutlich, dass die Stimme hier nicht als Melodieträger fungiert, sondern als ein Instrument, das seine eigene Materialität und Erschöpfung ausstellt. Frühere Aufnahmen ließen diese Atemgeräusche oft noch im Dienst einer atmosphärischen Dichte stehen, hier jedoch rücken sie als isolierte, fast mechanische Impulse in den Vordergrund.
Diese forcierte Physis korrespondiert mit der visuellen Setzung des Albums, die den Körper als Ort der Transformation begreift. Das Cover zeigt ein wolfsähnliches Wesen, aus dessen Rachen ein gleißender Lichtstrahl emporsteigt, was die Grenze zwischen animalischer Kreatur und spirituellem Kanal verwischt. Es ist eine bewusste Überzeichnung jener Ekstase, die Tanya Tagaq in ihrer Musik kultiviert. Die Pose des nach oben gerichteten Gebrülls fungiert nicht als Illustration, sondern als Zuspitzung des Verhältnisses zwischen der Pose der Künstlerin und der Authentizität des Schmerzes. Das Bild klärt die im Album angelegte Spannung: Die Stimme ist hier eine eruptive Naturgewalt, die sich gegen die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlage auflehnt.
Die Produktion von Jesse Zubot verstärkt diesen Eindruck durch eine Klangästhetik, die zwischen folkloristischer Intimität und industrieller Kälte oszilliert. In “Aorta” werden die gutturalen Laute durch digitale Effekte so stark deformiert, dass sie wie das mahlende Geräusch von Gestein wirken. Jede klangliche Entscheidung unterwirft sich einer funktionalen Härte, die keine harmonische Auflösung zulässt. Wenn in “Centre” die Rap-Strophen von Shad auf Tagaq’s „Wombcore“-Vokalisen treffen, geschieht dies ohne die üblichen glättenden Übergänge der Popmusik. Die rhythmische Struktur bleibt spröde und verweigert sich konsequent der Gefälligkeit, was die politische Stoßrichtung des Werks untermauert.
Die Radikalität erreicht ihren Kulminationspunkt in der Neuinterpretation des Nirvana-Klassikers “Rape Me”. Wo das Original noch im Grunge-Kontext einer ironischen Distanz verharrte, transformiert Tanya Tagaq das Stück durch eine fast flüsternde, beängstigend ruhige Darbietung in eine bittere Bestandsaufnahme. „I’m not the only one“ wird hier zur analytischen Feststellung über systemische Gewalt und koloniale Traumata. Die Reduktion der Mittel lässt die zugrunde liegende Wut umso deutlicher hervortreten. Die Anfangsbeobachtung des mühsamen Atems kehrt hier als ein Erstickungsstreit zurück, der die gesamte Struktur des Albums in eine finale, ungelöste Spannung versetzt.
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