Zwischen verwehender Melancholie und neu gewonnener Dringlichkeit fangen CITIZEN auf HALCYON BLUES die zerrüttete Dynamik des Älterwerdens ein. Die Band bündelt ihre musikalischen Wandlungen zu einem vielschichtigen Werk voll bittersüßer Eleganz.
Die Drums im Eröffnungsstück “Good Fortune” besitzen eine erschreckend direkte, fast schneidende Trockenheit. Kein Nachhall verwascht den Antritt, keine künstliche Breite täuscht eine Größe vor, die der Song erst mühsam aufbauen müsste. Ronnie Farris schlägt hier mit einer unerbittlichen Präzision ein, die das Fundament für ein Album legt, das sich verweigert, in den gewohnten Schemata moderner Gitarrenmusik zu verdampfen. Es ist genau dieser extrem polierte, haptisch greifbare Sound – zu verdanken dem Abmischungs- und Mastering-Gespann Tom Lorde-Alge und Ted Jensen –, der jede dynamische Regung sofort an die Oberfläche zerrt. Wo bisherige Aufnahmen der Band aus Toledo oft im dichten Nebel aus Reverb und Verzerrung Schutz suchten, herrscht nun klangliche Transparenz.
Das Visuelle fängt diese Verschiebung bemerkenswert ein: Das Albumcover isoliert eine verschwommene, im Scheinwerferlicht erstarrende Gestalt vor schroffer Dunkelheit. Es ist die perfekte Entsprechung für eine ästhetische Haltung, die Intimität nicht mehr als rohe Ungeschliffenheit inszeniert, sondern sie hinter einer hochglänzenden, kühlen Oberfläche entwirft. Die Künstlichkeit des Motivs verweist auf eine Entfremdung, die sich durch das gesamte Werk zieht. Citizen inszenieren ihre Gefühlswelt nicht als ungefiltertes Ausbrechen, sondern als ästhetisch durchdachte Versuchsanordnung.
Seit dem Debüt „Youth“ haben sich Citizen von den emotionalen Wutausbrüchen des Midwest-Emo emanzipiert. Über die Post-Grunge-Schwere von „As You Please“ bis zu den tanzbaren Experimenten auf „Life In Your Glass World“ folgte die Band einer stilistischen Häutung. Auf “Halcyon Blues” werden diese Phasen nicht mehr als gegensätzliche Kapitel behandelt, sondern synthetisiert. Sänger Mat Kerekes, der die elf Stücke im eigenen Heimstudio aufnahm und produzierte, lässt die rohe Energie der Anfangstage auf eine unterkühlte New-Wave-Ästhetik treffen. “Is It In My Brain” pulsiert mit einer Post-Punk-Gitarrenspur der Brüder Mason Mercer und Nick Hamm, die spürbar im Garage-Rock der Jahrtausendwende verankert ist, ohne in reine Retro-Nostalgie zu verfallen.
Die Lyrik bildet das Scharnier dieser Entwicklung. An die Stelle jugendlicher Anklagen treten Ernüchterung und das zermürbende Bohren existentieller Fragen. Im Zentrum von “Smooth Talker” steht das Motiv der Selbststummheit und des Ausharrens: “I am good with keeping up, bad with promises to myself / I keep on holding on, though I know well enough”. Kerekes analysiert die Risse in menschlichen Gefügen mit analytischer Distanz. In “Always The Last One To Leave” – bereichert durch das elegische Cello von Jennifer Fantaccione – bricht das Versprechen fester Bindungen endgültig in sich zusammen: “I’ve got love for you, but I don’t love you“.
Musikalisch schlägt das Album immer wieder Haken. Während “Matador” mit schneidenden Bassläufen von Eric Hamm und rhythmischer Härte liebäugelt, bremst die Titelfigur “Halcyon Blues” das Tempo abrupt ab. Jem Siow setzt mit seiner Querflöte einen fast absurden Kontrapunkt zum vorherigen Lärm, der das Stück schwebend im Raum hält. Der größte Coup gelingt der Band mit “Highs And Lows”. Hier verschmelzen schimmernde Synthie-Kaskaden mit einer unerbittlichen Rhythmusgruppe zu einem Dringlichkeitsmonster, das die Hooks von einst mit der produktionstechnischen Schärfe der Gegenwart vereint.
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