THE STROKES Comedown Machine
Kühler Trotz und überdrehte Kopfstimme. THE STROKES suchen auf COMEDOWN MACHINE nach einer neuen Rolle im eigenen Mythos. Zwischen Retro-Synthesizern und ironischer Pose kippt die einstige Nonchalance in kalkulierte Verunsicherung.
Eine der folgenreichsten Entscheidungen auf „Comedown Machine“ besteht darin, den Kern des eigenen Mythos nicht zu restaurieren, sondern demonstrativ zu unterlaufen. The Strokes verabschieden sich von der asketischen Gitarrenökonomie ihrer frühen Jahre zugunsten einer deutlich retrotronisch aufgeladenen Ästhetik. Keyboards rücken ins Zentrum, Falsettlinien dominieren ganze Refrains, rhythmische Strenge wird durch weichgezeichnete Popflächen ersetzt. Diese Verschiebung wirkt nicht wie ein beiläufiges Stilmittel, sondern wie eine strategische Selbstverortung: weg vom vermeintlichen Rettergestus des frühen Nullerjahre-Rocks, hin zu einer Band, die sich als verspäteter Erbe des Achtzigerjahre-Pop begreift.
Das funktionale Cover, das eher nach Mixtape als nach kanonischem Rockalbum aussieht, verstärkt diese Haltung. Es signalisiert Entsakralisierung. Kein Heroismus, keine ironisch gebrochene Coolness, sondern die Geste des Provisorischen. Diese bewusste Reduktion auf ein scheinbar unbeteiligtes Design zeigt den musikalischen Zugriff: The Strokes inszenieren sich als Band, die sich selbst aus der Vitrine nimmt.
Musikalisch materialisiert sich diese Strategie in deutlichen Kontrasten. „Tap Out“ arbeitet mit elastischem Funk-Gitarrenspiel, das präzise ineinandergreift, während Julian Casablancas darüber eine ätherische Kopfstimme legt, die die rhythmische Schärfe eher verwischt als zuspitzt. „One Way Trigger“ treibt das Prinzip weiter, sein A-ha-ähnlicher Synthesizer-Hook steht in auffälligem Gegensatz zur einstigen Garagenästhetik. Das ist kein Zufall, sondern kalkulierte Brechung der Erwartungshaltung. Wenn in „Welcome To Japan“ die Zeile „What kind of asshole drives a Lotus?“ fällt, blitzt jene lakonische Selbstironie auf, die Casablancas als Figur stark macht. Gleichzeitig bleibt sie isoliert, eingebettet in Arrangements, die stärker an französischen Millennial-Pop erinnern als an New Yorker Kellerclubs.
Diese ästhetische Neupositionierung ist ambitioniert, wird strukturell aber nur teilweise eingelöst. Die Platte zerfällt in Genre-Studien, deren Gemeinsamkeit weniger aus einer inneren Notwendigkeit entsteht als aus der unverwechselbaren rhythmischen Präzision der Band. Die formale Klammer bleibt brüchig. Die Songs funktionieren als Einzelteile, nicht als zwingend aufeinander bezogene Dramaturgie. Gerade dort, wo The Strokes sich wieder dem alten Gitarrensound annähern, etwa in „All The Time“, wirkt die Geste überraschend kraftlos, als würde die Vergangenheit nur noch zitiert.
So steht „Comedown Machine“ weniger für ein Comeback als für eine bewusste Umlenkung. The Strokes entscheiden sich gegen die Erwartung, ihre eigene Geschichte zu reproduzieren. Diese Entscheidung besitzt Konsequenz, offenbart aber auch die Grenzen einer Band, deren strategische Beweglichkeit größer ist als die strukturelle Stringenz ihres Materials.
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