THE SMILE A Light for Attracting Attention
Zwischen Dringlichkeit, Schwindelgefühlen und Jazz-Schattierungen: warum A LIGHT FOR ATTRACTING ATTENTION von THE SMILE als Radiohead-nahe Debüt glänzt, stolpert, doch ein eigens nervöses Pulsieren behauptet.
Das Projekt entsteht aus einer alten Allianz: Thom Yorke und Jonny Greenwood, seit Schulzeiten Gegenspieler im besten Sinn, treffen auf Tom Skinner, dessen Jazz-Background Feinmotorik in die verschraubte Rhythmik bringt. In den Credits stehen Nigel Godrich als architektischer Schatten an den Reglern, Bob Ludwig am Master, das London Contemporary Orchestra für die Streicher sowie eine britische Brass-Riege um Byron Wallen, Theon und Nathaniel Cross, Chelsea Carmichael, Robert Stillman, Jason Yarde. Die Vorgeschichte liegt offen auf dem Tisch: zwei Radiohead-Masterminds, die außerhalb des großen Apparats arbeiten, dennoch unverkennbar in dessen Grammatik schreiben. Genau hier beginnt die Ambivalenz dieses Albums, mit dem The Smile ihren Einstand markieren.
„The Same“ öffnet mit pulsierendem Synth-Herzschlag, einem flehenden „We are all the same, please“, einer Bitte um Humanität, die von Störgeräuschen eingerahmt wird. „The Opposite“ verschraubt Akzentverschiebungen, das Breakbeat-Spiel Skinners setzt Haken, während Yorke in Loop-Mantra „He doesn’t mean anything“ presst. Der Zorn kippt in „You Will Never Work In Television Again“ in schrammelnde Kurzform, drei Akkorde, Speichel in der Luft, ein kurzer Aufschrei gegen Machtmissbrauch. Später weitet „The Smoke“ die Pupillen: federnder Bass, ein schwebender Falsett-Hauch zwischen Fela-Andeutung und Soul-Glut. „Speech Bubbles“ hebt über zartes Schlagwerk und feine Streicher ab, „Open The Floodgates“ kontert mit selbstironischem Seitenhieb – „Don’t bore us, get to the chorus“ – zugleich ein Eingeständnis der eigenen Müdigkeit.
Am Ende steht „Skrting on the Surface“ als schönster Schwebezustand: „We’re just skirting on the surface“, eine resignative Geste, die Tiefe ahnen lässt, jedoch selten wirklich taucht. Das Cover spiegelt diese Musik fast wörtlich: eine gezackte blaue Silhouette, spiralförmig hypnotisch, von ockerfarbenem Grund und Farbinseln gerahmt, dick überdruckt vom weißen Titel. Wie die Zickzack-Linien legt auch das Songwriting häufig eine einzelne Figur frei, die dann ausgehört wird, bis der Lack glänzt, doch kaum neue Räume öffnet. Godrich gibt allem einen immensen, schönen Schimmer, Greenwood webt Fingerpicking-Gitter, Yorke schaltet zwischen Engel im Limbo und knirschendem Straßen-Sänger. Probleme entstehen dort, wo Dramaturgie stockt: „Pana-vision“ verträumt sich, „Free In The Knowledge“ zeigt eine verletzliche, jedoch arg konventionell gebaute Balladenform.
„A Hairdryer“ deutet Biss an, erstickt die Wucht in artifizierter Nervosität. Die stärksten Minuten gehören dem Dreiklang aus Groove, Raum und Verdichtung – „The Smoke“, „Thin Thing“ – sowie den Momenten, in denen Skinner Luft in die Texturen bläst. Über die Strecke wirkt „A Light for Attracting Attention“ von The Smile jedoch wie eine hochauflösende Skizze: Ideenreichtum in den Rändern, Eigensinn im Klangdesign, weniger Mut im Schnitt.
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