Madonna – Madame X

Nachdem dem übermäßig peinlichen Auftritt beim diesjährigen Eurovision Song Contest von Madonna in Tel Aviv fällt es schwer, mit dem nötigen Maße an Objektivität an das mittlerweile 14. Studioalbum heranzutreten. Zu frisch sind die Erinnerungen an die stark gealterte und gesanglich sehr wackelige Sängerin an diesem Abend. Dennoch schafft es die neue Platte mit einer faszinierenden Mischung aus lateinamerikanischen Beats, politischen Anspielungen und frischen Pop Sounds, das natürlichste, progressivste und originellste Album seit „Confessions“ zu sein.

Bei „Madame X“ knirscht Madonna mit den Zähnen, setzt eine mit Glitzer verzierte Augenklappe auf, schaut mit gestählter Tiefenwahrnehmung in den Spiegel und sagt: „Bitch, I’m Madonna.“ Mit roboterhafter Stimme gurrt Madonna, “Not everyone is coming to the future, not everyone is coming from the past/Not everyone can come into the future, not everyone that’s here is gonna last,” im späteren Stück „Future“ und begeistert auch mit der lebhaften portugiesisch-diasporischen Melodie während „Faz Gostoso“, dass uns mit der brasilianischen Sängerin Anitta nach Brasilien entführt.

 

Auf dem gesamten Album spielen lateinamerikanische Rhythmen eine wichtige Rolle – ein Nebeneffekt, vielleicht aufgrund ihrer Wahlheimat Portugal in den letzten Jahren. Vieles auf dem neuen Album gefällt, manches wirkt dagegen ein wenig scheinheilig, wenn sich Madonna als Millionärin aus der ersten Welt beispielsweise im Song „Killers Who Are Partying“ mit den Enteigneten und Ausgegrenzten verbündet: Tugendhafte Verbrüderung zwischen protzenden Trap-Beats. 

 

Insgesamt bleibt es aber ein faszinierendes neues Werk einer Künstlerin, deren Zeitgenossen wie Prince, Whitney und Michael bereits verschwunden sind. Diejenigen, die überlebt haben, haben das Spielfeld weitgehend verlassen. Mit 60 steht Madonna also nun alleine da und hat in Ihren 15 Songs von „Madame X“ noch immer viel zu sagen.