Eine rotzige Rückkehr voller Altersbravour und feiner Risse: Warum das neue Album der ROLLING STONES trotz glatter Produktion ein spätes Meisterwerk des klassischen Rock darstellt.
Wenn Keith Richards im linken Kanal seine Gitarre kratzen lässt und Ronnie Wood auf der rechten Seite mit einem ungeschliffenen Riff antwortet, öffnet sich eine klangliche Zeitschleife, die direkt in die staubigen Sessions der späten Sechzigerjahre führt. Es ist diese vertraute, fast instinktive Verzahnung zweier Instrumente, die eine unbändige Energie freisetzt. Produzent Andrew Watt nutzt diese historische Reibung, um ein Fundament zu gießen, das die vitale Dringlichkeit der Band einfängt.
Die Rolling Stones weigern sich hartnäckig, den geordneten Rückzug anzutreten, der ihrer Generation eigentlich zustünde. Stattdessen kultivieren sie ein flirrendes Hier und Jetzt, das keine nostalgische Milde kennt. Das von Nathaniel Mary Quinn gestaltete Albumcover fängt diese eigentümliche Dynamik perfekt ein, indem es die verschmelzenden Gesichter der Musiker als groteske, fast schmerzhafte Einheit inszeniert. Diese visuelle Verzerrung spiegelt die bewusste Künstlichkeit und die gleichzeitige tiefe Intimität einer Band, deren Identitäten nach über sechs Jahrzehnten untrennbar ineinandergewachsen sind.
Inmitten dieser dichten Kulisse blitzen Momente politischer Desillusionierung auf, die im Gewand eines loping Country-Rockers daherkommen. Mick Jagger seziert die amerikanische Gegenwart mit einer spöttischen Schärfe, die jegliche Sentimentalität im Keim erstickt. „Let the dreamers get the dream they want, my favorite joke / So pass around the fenty, pass around the coke.“ Die Zeilen zeugen von einem scharfzüngigen Stoizismus, der den Verfall mit einem Grinsen quittiert. Solche Brüche bewahren das Werk davor, in der reinen Routine des Stadionrocks zu erstarren.
Während die Rhythmusgruppe um Steve Jordan druckvoll nach vorne peitscht und alte Aufnahmen des verstorbenen Charlie Watts eine rührende Erdung einbringen, leistet sich die Produktion eine bisweilen übertriebene Dichte an prominenten Gästen. Robert Smith steuert schwebende Synthesizer-Flächen bei, Paul McCartney zupft einen lebhaften Bass, doch manche dieser Beiträge wirken eher wie dekoratives Beiwerk für den Pressetext. Wirklich berührend wird es, wenn die Arena-Logik pausiert und Richards mit brüchiger Stimme eine ergreifende Verletzlichkeit offenbart, die durch das orgelartige Weben von Benmont Tench sanft aufgefangen wird.
Das Album markiert eine signifikante Verschiebung innerhalb des Spätwerks, indem es die songwriterische Fokussierung des direkten Vorgängers aufbricht und das raue, gitarrenzentrierte Zusammenspiel wieder ins Zentrum rückt. Die Transformation von den rauchigen Anfängen im Londoner Exil hin zu einer fast unheimlichen Alterslosigkeit findet hier ihre logische, wenn auch hochgradig inszenierte Fortsetzung.
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