Billy Talent – Dead Silence

Ich war schon immer mehr der heimliche Bewunderer von Billy Talent und das auch, weil ich damals im Jahr 2010 sehen musste, wie junge Mädchen in der Pubertät überschwenglich die Haare durch die Gegen schleuderten. Es war auf dem Chiemsee Rocks und ab diesem Moment wurde es mir so deutlich vor Augen geführt, dass ich daraufhin den Hintergrund aufsuchte und mich dort mit der Musik von Billy Talent zu beglücken. Ein anderer Grund – ich will ehrlich sein – waren auch die einschneidenden Fingernägel der Mädchen, die mit aller Macht immer weiter und weiter nach vorne an die Absperrung drängten. Billy Talent also eine reine Teenie-Band? Sie waren auf dem Weg dorthin. Aber das Quartett aus Toronto hat damit wohl unbewusst schluss gemacht, zeigt doch Ihre neue Platte ‚ Dead Silence ‚ die Reife einer erwachsenen Band. Also liebe Anhänger der ersten Stunde, ein ‚ Lies ‚ und ein ‚ This Is How It Goes ‚ gibt es nicht. Dafür Gitarren-Riffs, die an ‚ Pins And Needles ‚ erinnern. Aber wollen wir klassisch mit der Einleitung beginnen: Oftmals gelesen und noch einmal zitiert: Das vierte Album als Billy Talent wurde in den The Armoury Studios (Vancouver), Noble Street Studios (Toronto) und im Hauptquartier der Band in Toronto aufgenommen. Produziert wurde die Platte von Gitarrist Ian D`Sa. Zu hören sind darauf dreizehn neue Songs inklusive dem bereits bekannten Stück ‚ Viking Death March ‚ und dessen anfänglichen Gitarren-Riffs von D`Sa. Kurz darauf folgen ein pumpender Bass von Gallant und das krachende Schlagzeug von Solowoniuk. Textlich bewegen wir uns in einer anti-patriotischen, starken und mutigen politischen Aussage. “Now the time is now, we can still turn it around/ Use your voice like a weapon and watch until they fall.” Sänger Ben Kowalewicz zeigt einmal mehr die Regierung als korrupte Organisation, als ein ekliges Bündel voller Lügen. Es war ebenfalls mutig diesen Track als erste Single zu wählen. Aber nüchtern betrachtet steht auf der einen Seite (der brillanten Hälfte) das Songwriting – auf der anderen leider manchmal die etwas dürftige musikalische Umsetzung. Aber ist das nur im direkten Vergleich so zu sehen. ‚ Suprise Suprise ‚ übernimmt noch die pulsierende Energie aus ‚ Viking Death March ‚ und hinterlässt am Ende das zweite phänomenale Stück einer Band, die sich nie davor gescheut hat eine bewusste Position zu beziehen und diese auch stimmgewaltig und mit überzeugenden Argumenten zu verteidigen. Eine neue Seite zeigen Billy Talent mit ‚ Stand Up And Run ‚, akustische Gitarre, sanfte Gesänge und weiche Rhythmen. Nicht nur ein Song für die Mädchen. Und mit einer schrillen und schreienden Stimme kracht Kowalewicz ohne Einführung in den nächsten Song ‚ Crooked Minds ‚ – doch man beachte bitte auch diese außergewöhnliche Bass-Linie. ‚ Man Alive! stürmt zielstrebig durch die Strophen, ‚ Hanging By A Thread ‚ hätte ebenfalls seinen Platz auf ‚ Billy Talent 2 ‚ gefunden und bei ‚ Don’t Count On The Wicked ‚ zeigen Billy Talent für mich das erste Mal zu 100 Prozent perfektes Zusammenspiel. Alles sitzt. Alles passt. Phantastisch. Nach der schwachen Nummer ‚ Show Me The Way ‚ ist nicht auf einmal das Ende erreicht, Billy Talent haben nur das Klavier für sich entdeckt. ‚ Swallowed Up By The Ocean ‚ nimmt dann gegen Hälfte an Fahrt auf und begeistert mit vollmundigen Arrangements, die anfängliche Zweifel verstummen lassen. Das letzte und gleichnamige Titelstück ist dann noch ein echter Schlag in die Gehörnerven. Absolut stimmig und wunderbar emotional, drückend und einfach charakteristisch für alles, was Billy Talent auszeichnet. Man wächst als Hörer mit der Platte, ergründet aber auch im mehrmaligen Durchlauf stets neue Fascetten und neue Lieblings-Passagen. Man hätte es nicht für möglich gehalten, aber das Quartett aus Toronto bleibt ein Phänomem und ich freue mich bereits wieder auf die kommenden Konzerte in Deutschland – trotz allem lieber erstmal von weiter hinten.