The Lone Bellow – Half Moon Light

Hymnen lindern unsere Wunden, es sind natürliche Heilmittel und Vorboten von Wärme und Licht. Unabhängig von religiösen Zugehörigkeiten besteht die Hoffnung, der Trost und das Verständnis, durch die Schönheit einer Hymne erlangt zu werden. The Lone Bellow haben auf ihrem neuen Album „Half Moon Light“ mit dem Titel „The Eastern Gate“, eine klassische Hymne von 1905, geschrieben von Isaiah G. Martin, neu aufgenommen. Die Hymne taucht als „Intro“, „Interlude“ und „Finale“ auf und jedes Stück verbindet den Hörer mit einer Reise in, durch und schließlich aus einer unvorstellbaren Tragödie heraus. Tod, Trauma und Trauer sind Themenstränge, die durch die imposante Leistung der Gruppe aufgearbeitet werden – von „Wash It Clean“, in dem der Musiker und Songwriter Brian Elmquist versucht, eine zarte Beziehung mit seinem Vater, der im letzten Jahr gestorben ist, in Einklang zu bringen. „Just Enough to Get By ” glänzt dagegen mit einer herausragenden Gesangsleistung der Sängerin und Songwriterin Kanene Donehey Pipkin.

“You know, people, they will believe / Only what you let them see / So, tell them what they want to hear / How much better that you feel,” zieht Pipkin ihre Stimme über das Klavier. Der in knorrigen Blues-Rock gebackene Song wurde über Pipkin’s Mutter geschrieben, die mit 19 Jahren vergewaltigt und dann weggeschickt wurde, um das daraus entstandene Baby zu bekommen. 40 Jahre später kehrte das Baby – mittlerweile eine 40-jährige Frau – in Pipkin’s Leben zurück und Pipkin sah sich einer tiefen und komplizierten Situation ausgesetzt, die nach der Wahrheit suchte. Pipkin’s Gesangsperformance ist ebenso wie die Texte selbst voller Wut, Schmerz, Frustration und Traurigkeit. Das angesprochene „Wash It Clean“ von Elmquist ist eine liebenswerte Hommage an seinen Vater, der letztes Jahr plötzlich verstorben ist. Er schildert die angespannte Beziehung, die erst zwei Monate vor dem Tod Entspannung finden konnte. „Enemies“ bleibt im akustischen Folk-Modus mit funkelnden Piano-Noten, bevor es zu einem leisen Ruf und einer stillen Antwort zwischen den Sängern wird.

Wie bei ihren vorherigen Platten steht der Gesang im Mittelpunkt und wird oft von einer zurückhaltenden, aber wichtigen Instrumentierung begleitet, sei es ein einfache Linie am Schlagzeug oder eine akustische Gitarre. Diese Variation wechselt zwischen optimistischeren Songs und langsameren Takten und verhindert, dass sich das Album aus musikalischer Sicht abgestanden anfühlt. The Lone Bellow gelten als eine der beständigsten Bands der letzten 20 Jahre. Bei „Half Moon Light“ wagt sich das Trio neben Produzent Dessner (dem Mann hinter „Then Came the Morning“ von 2015) an die Außenseite ihrer üblichen Spieluhr, um reichhaltigere, poppigere und mutigere Texturen zu liefern. Doch es geht niemals auf Kosten ihres lyrischen Bisses. Es ist ein erneuter Beweis Ihrer Qualitäten und eine wahre Freude, diese zu erforschen, seien es die Harmonien, die Geschichten, die Gefühle, oder die wunderschönen Schichten aus Klang und Produktion.