The Hold Steady – Open Door Policy

Nach nur zwei Alben im letzten Jahrzehnt haben sich THE HOLD STEADY erholt und sind abenteuerlicher geworden als zuvor – und Finn’s erzählerisches Geschick war noch nie so stark wie auf OPEN DOOR POLICY.

Die Songs von „Open Door Policy“, die 2019 geschrieben und aufgenommen wurden, haben eine unheimliche Resonanz mit der Gegenwart. Die Besessenheit von psychischer Gesundheit und Ärzten ist ein roter Faden im gesamten Album. “The doctor says he only wants to help me make better decisions”, singt Finn in „Lanyards“, dem gleichen Lied, in dem er Club-Armbänder mit denen vergleicht, die man in der Notaufnahme trägt („everybody needs to see the right color wristband“). Die Charaktere in diesem Song sprechen davon, wie man Antipsychosemedikamente ein- oder ausschaltet und sich mit Gefühlen der Einsamkeit und Vertreibung auseinandersetzt – sowohl psychologischer als auch geografischer Natur. Das Gespenst der Gentrifizierung und der ätzende Einfluss des Reichtums ist ein weiterer thematischer Einflussfaktor auf „Open Door Policy“.

Auch wenn es nach schwerer Kost klingen mag, so ist dieses Album trotzdem ein guter Ausgangspunkt für alle, die bisher von The Hold Steady noch nie zuvor gehört haben und „Open Door Policy“ ist so ziemlich die beste Grundierung für den wunderbaren Sound von The Hold Steady seit ihrem 2006er Meisterwerk „Boys and Girls in America“. Dieser Sound – sofort erkennbar und teuflisch formbar – ist eine versoffene Kombination aus Bruce Springsteen’s ernsthafter Grobheit, dem rücksichtslosen Charme von The Replacements, der sexy Prahlerei von The Rolling Stones und Thin Lizzy’s strahlendem Optimismus. Einfach ausgedrückt, The Hold Steady haben die besten Stücke der besten Rockbands von früher ausgeliehen und diese Stücke in etwas Frisches und Vitales verwandelt.

Mit den beiden Songs „The Feelers“ und „Lanyards“ bekommen wir direkt zu Beginn einen griffigen Heartland Rock auf die Ohren. Beide sind hervorragende Demonstrationen der wichtigsten Erfolge im Sound von The Hold Steady – Finn’s Stimme steht dabei an erster Stelle. Er klingt auch auf „Family Farm“ fantastisch, aber auch Tad Kubler’s herrlich Gitarre, Bobby Drake’s schlagende Drums und Galen Polivka’s muskulöse Bassgitarre. „Spices“ deutet auf esoterische Einflüsse mit östlichem Einschlag hin, bevor die schlagenartigen Gitarrenlinien den Track in etwas verwandeln, dass man von den Pixies aus deren ersten Ära erwarten würde. „Heavy Covenant“ und „Riptown“ runden die wichtigsten Highlights des Albums ab. Ersteres ist ernst, aufrichtig und entschlossen, während letzteres lockerer und emotionaler ist.

“Back in my hometown there’s nothing but the hum of the locusts / and the rest of my life to get used to being washed out of show biz“, singt Finn. The Hold Steady sind eine Band, die sich um klassische Einflüsse dreht und einige ihrer besten Songs zu einer Zeit produziert, in der manche Menschen ihre Vitalität aus den Augen verloren haben. Die Hold Steady sind endlich wieder der warme Hafen in einer kalten stürmischen Nacht.

8.8