Neon Indian – Era Extraña

Als ich vor einigen Wochen das erste Mal davon hörte, dass Alan Palomo seinen Rückzug nach Finnland anstrebt und dort den Nachfolger zu ‚ Psychic Chasms ‚ einzuspielen, entsprangen vor meinem geistigen Auge sofort Bilder von atemberaubender Schönheit über die finnischen endlosen und einsamen Landschaften, dem eisigen Wasser und, natürlich, den Fjords. Ich fragte mich welches Auswirkungen es wohl auf den Sound von Neon Indian nehmen würde, welche psychischen Abgründe sich dieses Mal der Forschung opfern müssen und welche Beschwörungen durch das Land auf uns hereinbrechen. Denn der Gedanke an abgespeckte Klangwelten erschien für mich faszinierend, auch weil ich dem hemmungslosen Spaß mit ‚ Psychic Chasms müde geworden bin. Es war ein hemmungsloser Rausch mit der unbeschwerten Energie an unserer Seite. Es war einfach zu sommerlich für meinen Geschmack. Palomo hatte schon immer mehr zu sagen und zeigt den Beweis glücklicherweise auf seinem neuen Werk ‚ Era Extraña ‚ gleich im zweiten Stück. ‚ Polish Girl ‚ ist ein klirrendes und liebenswertes Stück Popmusik, das sich besonders gerne in der Badewanne mitpfeifen lässt. ‚ The Blindside Kiss ‚ tritt in den Raum, setzt sich auf einen Stuhl und starrt an die Decke. Wir sehen dabei zu, lassen den Schmerz auf uns wirken, weil wir Ihn mindestens ebenso verdienen. Die blechernen Schichten verschiedenster Töne und der rauchige, fast frustriert Gesang vermittelt das Gefühl des völligen Verlusts. Trotzdem bleibt ‚ The Blindside Kiss ‚ wunderschön in seinen haltlosen Melodien und erinnert uns daran, wie einflussreich The Jesus and Mary Chain noch immer sind. Das Kreissägen-Gitarre-überschwemmte ‚ Hex Girlfriend ‚ folgt im Anschluss und ‚ Heart: Decay ‚ signalisiert den Beginn der „es-geht-dir-immer-erste-schlimmer-bevor-es-besser-wird“ Periode. ‚ Fallout ‚ verblüfft mit seinem monotonen Gesang, während das Titelstück der erste Hoffnungsschimmer ist. Die drei Songs, ‚ Halogen (I Could be A Shadow) ‚, ‚ Future Sick ‚, und ‚ Suns Irrupt ‚ repräsentieren eine andere Art des Loslassens. ‚ Halogen (I Could be A Shadow) ‚ ist ein verhüllendes Stück mit beruhigenden Percussions, einladenden Synthies und Vintage Girl Group-hervorrufenden Background-Gesängen. Was dann am Ende nicht auf ‚ Era Extraña ‚ zu hören ist, war die skandinavische Verzweiflung, der Kulturschock des in Mexico geborenen Sängers, der sich im finnischen Winter auf zu neuen Ideen machte. Stattdessen öffnete er sich mehr seinen musikalischen Einflüssen und kreierte am Ende faszinierendes wie ungewöhnliches. Und wenn es eine Kehrseite auf ‚ Era Extraña ‚ gibt dann die Tatsache, dass es nicht schwer ist die Platte zu bewundern, aber es ungemein schwer fällt sie zu lieben. Denn In vielerlei Hinsicht ist das Album ein weit ernsteres als sein Vorgänger. Thematisch befasst es schwerer Themen und erforscht die Emotionalität viel tiefer als ‚ Psychic Chasms ‚. Schlussendlich ist ‚ Era Extraña ‚ viel feiner, viel besser orchestriert und beinhalten viel mehr Anzeichen über Palomo als ernstzunehmenden Künstler.

7.3