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MON LAFERTE Autopoiética

2023

MON LAFERTE zerlegt ihr eigenes Bild, setzt es neu zusammen und zwingt AUTOPOIÉTICA in die Gegenwart. Ein Album, das Selbsterschaffung als Prozess verhandelt, stilistische Überfrachtung riskiert und gerade dort überzeugt, wo Kontrolle wichtiger wird als Größe.

„Autopoiética“ markiert einen bewussten Bruch innerhalb der Diskografie von Mon Laferte, ohne die eigene Vergangenheit zu verleugnen. Die chilenische Künstlerin, die über Jahre hinweg für dramatische Balladen, bolerohafte Melancholie und vokale Exzesse stand, rückt hier ein anderes Zentrum in den Fokus: Selbsterschaffung als permanenter Prozess. Der Albumtitel ist kein dekoratives Theoriezitat, sondern Leitmotiv. Laferte nutzt den Begriff der Autopoiesis, um ihre eigene künstlerische Existenz als offenes System zu behaupten, das sich fortwährend neu organisiert, regeneriert und gegen Zuschreibungen verteidigt.

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Musikalisch verweigert sich das Album jeder bequemen Einordnung. Dance Punk, Trip Hop, Perreo, Bossa Nova, Opernreferenzen und elektronische Brüche stehen nebeneinander, oft innerhalb desselben Stücks. Diese Vielgestaltigkeit wirkt nicht immer organisch, entfaltet jedoch eine innere Logik: Stil wird hier nicht zur Identität, sondern zum Werkzeug. Besonders „NO+SAD“ überzeugt durch seine kalte, fast aggressive Zurückhaltung. Der dembowgetriebene Beat, die Sirenen, das geflüsterte Rezitieren von Beleidigungen wie „pinche naca“ oder „feminazi“ verwandeln öffentliche Diffamierung in kontrollierte Konfrontation. Laferte verzichtet bewusst auf vokale Brillanz, wodurch die Worte schärfer wirken.

„Tenochtitlán“ gehört zu den stärksten Momenten des Albums. Die Mischung aus Trip Hop Atmosphäre, religiöser Bildsprache und biografischer Erzählung verdichtet sich zu einem Stück über Migration, Demütigung und Hoffnung. Zeilen wie „Bella, no llores más, bajo el cielo de Tenochtitlán“ wirken weniger tröstend als beschwörend. Auch „Te Juro Que Volveré“ entfaltet emotionale Kraft, getragen von der Entscheidung, die Stimme zu verfremden. Die Distanz zwischen Erzählerin und Erzähltem verstärkt den Schmerz über ein Versprechen, das unerfüllt bleibt.

„Mew Shiny“ kippt dagegen in konventionelle Rockballadenästhetik und verliert sich in kalkulierter Sentimentalität. Auch die stilistische Überfrachtung mancher Stücke erzeugt Reibung, die nicht immer produktiv ist. „Casta Diva“ beeindruckt konzeptionell durch die Verbindung von Bellini’s Opernzitat, Chor und elektronischem Bruch, wirkt dramaturgisch aber überdehnt. Das Albumcover fungiert als visuelle Zuspitzung dieser Haltung. Der liegende Körper auf rotem Grund, das Gesicht dort platziert, wo es gesellschaftlich als anstößig gilt, verweigert jede Form von Eleganz. Diese Bildidee spiegelt den musikalischen Gestus des Albums: Bloßstellung als Selbstermächtigung, Sakralität und Provokation im selben Moment.

„Autopoiética“ ist kein geschlossenes Meisterwerk, sondern ein forderndes Album mit klarer künstlerischer Notwendigkeit. Es lebt von Mut, von Brüchen, von Momenten radikaler Klarheit. Seine Schwächen liegen in der fehlenden Stringenz mancher Ideen. Seine Stärke liegt in der Weigerung, sich zu glätten.

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81
fotografie
2023
Autopoiética
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Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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