MILITARIE GUN God Save The Gun
Zwischen Wucht und Wunde: Wie MILITARIE GUN auf GOD SAVE THE GUN die rohe Körperlichkeit des Punk mit schonungsloser Selbstanalyse verbinden und ein Album erschaffen das zwischen Zusammenbruch und Triumph oszilliert.
Militarie Gun haben sich aus der Energie eines Hardcore-Seitenprojekts zu einer eigenständigen Kraft im zeitgenössischen Rock entwickelt. Was mit „Life Under the Gun“ noch wie ein atemloser Sprint klang, wird auf dem Nachfolger zu einem kontrollierten Zusammenstoß aus Pathos und Aggression. Ian Shelton steht im Zentrum dieser Selbstentblößung, ein Sänger, der jede Zeile eher ausstößt als singt. „I’ve been slipping up“, schreit er zu Beginn, als wollte er die eigene Schwäche öffentlich verbrennen. Seine Stimme ist nicht virtuos, aber zwingend: ein raues Organ, das jedes Wort körperlich macht. Die Band baut um ihn herum ein dichtes Geflecht aus Gitarren, deren Verzerrung eher aufbäumt als dekoriert. Der Bass wummert wie ein Maschinenraum, das Schlagzeug treibt, bis jede Pause wie ein Atemzug klingt.
Die Struktur des Albums folgt keiner bequemen Dramaturgie. Stattdessen wirken die Stücke wie Bruchstellen eines fortlaufenden Nervenzusammenbruchs. „B A D I D E A“ explodiert nach zwanzig Sekunden Stille, „Throw Me Away“ schlägt mitten ins Zentrum des Selbsthasses, während „God Owes Me Money“ mit verzerrtem Pathos die Bilanz eines zerrissenen Lebens zieht. Zwischendurch schimmern melodische Linien auf, die an britische Neunzigerjahre-Alternative erinnern, dann wieder schleudern sie sich in ein fast poppiges Strahlen. Diese Gegensätze sind kein Kalkül, sondern Konsequenz: Shelton schreibt, als wolle er die eigene Unkontrollierbarkeit hörbar machen. In „I Won’t Murder Your Friend“ erreicht das Album seinen schmerzhaftesten Punkt. Die offen ausgesprochene Depression kippt in eine entwaffnende Klarheit: „I guess I’ll stay“. Kein Pathos, kein Trost, nur ein Satz, der bleibt.
Der Schluss mit „God Save The Gun“ bringt eine trügerische Ruhe. Nach der Übersteuerung der vorigen Stücke scheint hier für einen Moment Licht durch das graue Rauschen zu fallen. Die Gitarre klingt fast hymnisch, doch was bleibt, ist keine Erlösung, sondern Erschöpfung. Die Aufnahme wirkt so roh wie bewusst inszeniert, die Produktion lässt Fehler stehen, als wären sie Teil des Systems. Genau darin liegt die Stärke dieser Platte: Sie sucht nicht nach Reinheit, sondern nach Wahrheit im Lärm. Das Schwarzweiß-Cover mit erhobenen Händen zwischen Palmen wirkt wie eine ironische Taufszene. Die Figuren strecken sich nach etwas Höherem, aber die Sonne bleibt unsichtbar. Zwischen Glauben und Absturz liegt hier keine Grenze, sondern ein einziger, pochender Akkord.
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