MIDLAKE A Bridge to Far
In einer Zeit voller übersättigter Wohlklänge zeigen MIDLAKE auf A BRIDGE TO FAR eine unerwartet fragile, suchende Folkrock Vision, die zwischen spiritueller Unruhe, warm glimmender Intimität und wachsender Selbstbefragung pendelt.
Midlake gehören seit den frühen zweitausender Jahren zu jenen texanischen Folkrock Formationen, die ihre Identität immer wieder neu verhandelt haben. Der Weg führte von pastoraler Retro Romantik über psychedelische Ausfransungen bis hin zu jenen dichten Texturen, die seit dem Ausstieg ihres früheren Frontmanns präziser und gleichzeitig verletzlicher wirken. „A Bridge To Far“ entstand erneut in Denton, im vertrauten Echo Lab, produzierte wurde die Platte von Sam Evian, dessen Vorliebe für analoge Weichzeichnung spürbar bleibt: keine Effekthascherei, eher ein gedämpftes Glühen, das die Band eng zusammenschweißt.m
Schon „Days Gone By“ öffnet mit leiser Dankbarkeit, allerdings ohne sich im Wohlgefallen auszuruhen. Die Tull inspirierte Flöte wirkt wie eine Erinnerung an eine Zeit, in der Harmonie nicht fragil erschien, sondern selbstverständlich. Pulido’s Gesang trägt das Stück gelassen, doch die sanfte Oberfläche täuscht über jene innere Unruhe hinweg, die später deutlicher hervortritt. Der Titeltrack setzt ein firniges Licht darüber, deutlicher wird die Selbstbefragung in Zeilen wie „You’re tired, don’t want to bleed again“. Hoffnung erscheint hier als Arbeit, nicht als Trostformel. „The Ghouls“ agiert weit kantiger. Der pulsierende Rhythmus und die forschen Gitarrenstöße schaffen ein Spannungsfeld, in dem die Zeile „Maybe ordinary suits the ghouls“ wie ein halb ironisches Mantra wirkt.
Midlake klingen in solchen Momenten weniger verträumt, eher wachsam und witzlos ernst. Die Kollaboration mit Madison Cunningham in „Guardians“ erweitert das Klangspektrum: ihr gläserner Gesang bricht Pulido’s Wärme auf, beide tragen ein brüchiges Gespräch über Werte, Verletzlichkeit und Beharrlichkeit. Evian und Jesse Chandler setzen später Akzente mit ineinander kreisenden Saxophonen, besonders in „The Calling“, dessen energischer Aufbau durch die fallenden Blätter Zeile „Leaves are falling, they’re falling down“ eine Art herbstliche Dringlichkeit erhält. Im Mittelteil zeigt sich ein vertrautes Muster: schweifende Zwischenräume, die improvisatorisch wirken, gleichzeitig aber nie vollständig ausfransen.
„Make Haste“ und „Eyes Full of Animal“ bewegen sich in gebrochenen Schwingungen zwischen introspektiver Wärme und animalischer Zuspitzung. Die Schlusspassage „The Valley of Roseless Thorns“ reduziert die Form auf einen stillen Kern, die Band klingt dort ungeschützt, vielleicht zum ersten Mal seit Jahren so direkt. Das Artwork von Shaina Sheaff greift diese Ambivalenz auf. Die überlagerten Landschaftsfragmente wirken wie Erinnerungen, die durch Licht brechen und sich gleich wieder entziehen. Der blasse Baum im Zentrum ruft eine fragile Spannung hervor, die mit den Themen Verlust, Mut und Vergehensbewusstsein korrespondiert. Die Songs wirken dadurch weniger wie abgeschlossene Kapitel, eher wie Bilder eines flackernden inneren Films, der stets eine Schicht zu viel oder eine zu wenig besitzt.
„A Bridge To Far“ zeigt eine Band, die ihre Komfortzone hinter sich lässt und das Prinzip Hoffnung nur annimmt, wenn es hart erarbeitet ist. Viele Passagen wirken atmosphärisch dicht, einige gerinnen jedoch zu vertrautem Schönklang, der der eigenen Ambition nicht immer standhält. Dennoch bleibt die Platte ein ernstzunehmender Schritt: nicht spektakulär, aber mit einer Sorgfalt gebaut, die selten geworden ist.
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