Zwielichtige Klangwelten und verunsichernde Reflexionen: Wie L’RAIN auf ihrem neuen Album FATA MORGANA die Grenzen zwischen experimentellem Pop und R&B mit traumartiger Souveränität auflöst.
„I keep trying to start the… start the…“, murmurt eine verfremdete Stimme durch statisches Rauschen, bevor die Instrumentierung das Fragment in einer Woge aus vielschichtigen Texturen auffängt. Dieser Moment der Verzögerung setzt den Grundton für ein Werk, das sich konsequent der raschen Erfassbarkeit entzieht. Taja Cheek verhandelt unter dem Namen L’Rain das Prinzip der optischen Täuschung als musikalische Grundstruktur. Statt klar konturierter Arrangements dominiert eine Ästhetik der ständigen Verschiebung, in der Genres wie Dub, Speed-Metal, R&B und Free Jazz nicht nebeneinanderstehen, sondern ineinander zerfließen.
Das visuelle Erscheinungsbild des Tonträgers fängt diese inhärente Spannung präzise ein: Hände halten einen im Gegenlicht erstrahlenden Eisblock, in dessen Innerem erstarrte Gewächse konserviert sind. Es ist eine Inszenierung von organischer Materie hinter einer transparenten, aber undurchdringlichen Schutzschicht. Das Bild formuliert genau jenen Bruch zwischen greifbarer Intimität und kühler Distanzierung, der auch das musikalische Geschehen prägt. In Zusammenarbeit mit den Ko-Produzenten Ben Chapoteau-Katz und Andrew Lappin entsteht eine Klangarchitektur, die trotz ihrer enormen Schichtung niemals überladen wirkt. Sogar die von Yuka Honda betreute Sequenzierung unterstützt diesen Eindruck eines fiebrigen, surrealen Kontinuums.
Im Zentrum dieser Kompositionen steht die permanente Befragung der eigenen Wahrnehmung und Identität. Während das Vorgängerwerk „Fatigue“ Erschöpfung verarbeitete und „I Killed Your Dog“ die Verfeinerung kollagierter Strukturen vorantrieb, verschiebt „fata morgana“ den Schwerpunkt auf die produktive Unsicherheit. In „glass ceiling“ formuliert Cheek diese Skepsis gegenüber der eigenen Manifestation direkt: „More times than not I mean not what I say“. Die Textzeile fungiert hier nicht als reine Bekenntnislyrik, sondern als methodischer Schlüssel. Sie legt offen, dass die gesangliche Präsenz auf dem gesamten Album bewusst dezentriert wird, oft umhüllt von Effektketten, gepitchten Schichten oder abrupten Dynamikwechseln.
Die Stücke wirken wie Versuchsanordnungen über das Verfehlen von Eindeutigkeit. In „birthday“ transformiert sich ein downtempo geprägter Slow Jam durch verfremdete Backing Vocals und eine entlarvende Textstruktur in eine bizarre Verhandlung über Isolation und Selbstgenügsamkeit. An anderer Stelle bricht das Gefüge gewaltsam auf: In „soulless cycle“ kollidieren schnelles Schlagzeugspiel und dröhnende Gitarrenrückkopplungen mit apathisch vorgetragenen Repetitionen, bevor Gastbeiträge wie jener von Dancehall-Veteran Screechy Dan auf „july 5th“ plötzliche Helligkeit in die vielschichtigen Klangräume werfen.
In der Diskografie von L’Rain markiert dieses Album einen prägenden Entwicklungsschritt. Die fließenden Übergänge lösen die früher schärfer akzentuierte Collage-Technik zugunsten einer geschlossenen, wenn auch hochgradig elusiven Gesamtatmosphäre ab. Die künstlerische Progression manifestiert sich nicht in einer Annäherung an konventionelle Songstrukturen, sondern in der meisterhaften Beherrschung des amorphen Materials, das die Grenzen zwischen Entwurf, Fragment und vollendeter Form endgültig aufhebt.
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