Wenn Melancholie auf Protest-Pop trifft: Wie JUPITER JONES mit ihrem neuen Album ICH TRAGE DEN SARG, DU TRÄGST WAS BUNTES den Spagat zwischen Indie-Erbe und Radio-Hymnen suchen.
Wenn auf dem Artwork zwei menschliche Silhouetten mit Skelett-Anstrichen, Hasenohren und Luftballons im Abendlicht an einem See stehen, während ein Sarg im Wasser treibt, grenzt das nicht an Selbstironie, sondern an das offene Eingeständnis einer dramatischen Selbstinszenierung. Jupiter Jones verkleiden ihren Abschied von der einstigen Indie-Rauheit als bunten Zirkus, ohne zu verschleiern, wie kalkuliert das Pathos darunter arrangiert ist.
Jupiter Jones starten auf „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“ mit dem Versuch, das eigene Älterwerden und die damit einhergehenden Abnutzungserscheinungen in eingängige Gesten zu übersetzen. Der Opener „Champagnerempfang satt!“ reißt die Thematik der Körperdysmorphie an, verpackt sie jedoch in eine Pop-Punk-Dynamik, die keine Verunsicherung zulässt. Nicholas Müller’s Zeilen wie „Mein Körper ist ein Käfig, den ich hass’ / Würd mich gern mal wie alle andern seh’n“ fungieren dabei als Schlaglichter einer Selbsterkundung, die sofort in stadiontaugliche Refrains mündet. Das Album nimmt sich kontinuierlich die großen gesellschaftlichen Wunden vor, verweilt allerdings selten lange genug im Schmerz, um echte Erschütterung zu erzeugen.
Die Produktion setzt phasenweise auf ein organischeres Fundament als der Vorgänger, schiebt Gitarren und Drums in den Vordergrund, koppelt diese aber verlässlich an den Rhythmus zeitgenössischer Formatradio-Gesten. Selbst im explizit politischen Kontext bleibt die Band eher lehrhaft als drängend. Im Titel „Euren Töchtern geht es gut“, verstärkt durch die Gastbeiträge von Liser und Finna, weicht die typische Müller-Metaphorik einer plakativen Ansage: „Der größte aller Fehler ist das Patriarchat, tada“. Die Zeile verdeutlicht die Tendenz der Platte, Reibungspunkte in griffige Parolen aufzulösen, die niemanden mehr ernsthaft verstören.
Müller’s Stimme bleibt das verlässlichste Element dieses Bandgefüges. Sie bricht, drückt und trägt eine Abnutzung in sich, die der Musik jene Erdung verleiht, die das Songwriting an anderer Stelle einbüßt. In „Älter als die Steine“ gelingt genau deshalb einer der stärksten Momente: Der Text richtet sich an die eigene Nachkommenschaft und fragt mit gebrochener Dringlichkeit „Wo liegst du mir im Herz rum?“. Hier funktioniert die Kombination aus persönlicher Dringlichkeit und Melodie, während Stücke wie „Wo diese Liebe hinfällt“ durch unentwegtes Stampfen und Klatschen wieder in die gewohnte Musterhaftigkeit gedrängt werden.
Am Ende fängt die Band ihre eigene Geschichte immer wieder selbst ein. Jupiter Jones kreisen um die Themen, die sie seit jeher begleiten, ersetzen jedoch die verwaschene Schimmelkeller-Dynamik früherer Tage durch eine durchstrukturierte Klangkulisse, die das Unbehagen eher verwaltet als auslebt.
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