Jorja Chalmers – Midnight Train

MIDNIGHT TRAIN ist verführerisch glatt und doch voller unkontrollierbarer Bedrohungen, eine Dualität, die JORJA CHALMERS mit hypnotischer künstlerischer Präzision beherrscht.

Die Saxophonistin und Keyboarderin Jorja Chalmers unterstützte zehn Jahre den ehemaligen Roxy Music Frontmann Bryan Ferry mit anspruchsvollsten Arrangements. Das Songwriting der in Melbourne lebenden Komponistin windet sich in „Midnight Train“ mit nervenaufreibender, polierter Mystik. Chalmers wurde aus dem scheinbar endlosen Lockdown im letzten Winter in Großbritannien geboren und suchte Inspiration in den saisonal langwierigen Nächten, die den Geist unweigerlich in düstere Reflexionen und psychologische Zweifel verleitet. Herbstlich in seinem brütenden, unbewussten scheuernden Zustand, umhüllt ein tiefer Traum die Platte; Chalmer schlängeln sich durch verschwenderisch makabere Kunst-Pop-Architektur von filmischen Ausmaßes, die von David Lynch’s Toningenieur Dean Hurley treffend gemischt wurde.

Während ein Großteil von „Human Again“ sporadisch und spontan aufgenommen wurde, ist der Nachfolger „Midnight Train“ eine viel sorgfältigere, vollständig geformtere Platte. Sie klingt beeindruckend knackig und üppig, obwohl die Stimmung so düster und beunruhigend wie Lynch’s Filme bleibt. Sanfte Synths stellen „Bring Me Down“ vor, einen wunderbaren und fesselnden Eröffnungswalzer. „It’s about the fragility of the perfect housewife“, sagt Chalmers, „It’s basically about a woman that’s trying to be everything, and is cracking psychologically.“ Indem sie diese Persona abseits ihrer eigenen häuslichen Glückseligkeit bewohnt, erinnert sie an die stilvolle Kunstfertigkeit des klassischen Pops; schließlich kam David Bowie nicht wirklich aus dem Weltraum und Gary Numan war kein echter Androide.

Der hypnotisierende Synthesizer paart sich mit distanziert abgesetzten Gesängen in einer eisig erschöpften emotionalen Front. „Rabbit In The Headlights“ erinnert an den der Schwerkraft trotzenden Zauber von Kate Bush und Victoria Legrand, während sich die Tapferkeit von „Boadicea“ in zitterndem elektronischem Gewicht verbarrikadiert, das an die frühe Enya erinnert. Mit Einflüssen von Roxy Music, Brian Eno und Robert Wyatt ist „Midnight Train“ ein schimmerndes und strukturreiches Album von Chalmers, mit einem spürbaren Gefühl dystopischer Andersartigkeit und der richtigen Balance zwischen Dunkelheit und Licht.

7.9