HATER Siesta
Eine melancholische Sommerreise durch schimmernde Gitarrenwände und emotionale Abgründe zeichnet das Album SIESTA von HATER als ein Coming-of-Age-Meisterwerk aus. Die schwedische Band verbindet mühelos verträumten Indie-Pop mit der rohen Ehrlichkeit eines unvermeidbaren Abschieds.
Das Albumcover zeigt eine junge Reiterin, deren Blick sich in einer unbestimmten Ferne verliert, während ihr Haar unter dem Reithelm ungebändigt im Wind spielt. Diese visuelle Inszenierung einer kontrollierten Pose, die gleichzeitig eine tiefe, fast schmerzhafte Abwesenheit offenbart, korrespondiert unmittelbar mit der musikalischen Haltung von Hater. Es ist das Bild einer Person, die sich im Übergang befindet, fest im Sattel einer Tradition, aber emotional bereits jenseits des Horizonts. Diese Spannung zwischen der Sicherheit eines vertrauten Genres und der schutzlosen Offenheit der Texte definiert die gesamte Dynamik von „Siesta“.
Bereits der Einstieg verweigert die übliche Euphorie. Der schleppende Walzer-Rhythmus in „From The Bottom Of Your Heart“ etabliert eine Form der Zurückhaltung, die im Vergleich zum Debüt „You Tried“ deutlich präziser und kühler wirkt. Hier wird nichts mehr dem Zufall überlassen; jede Verzögerung im Schlagzeugspiel scheint eine bewusste Entscheidung gegen die Leichtigkeit zu sein. Hater nutzen diese strukturelle Schwere, um den nachfolgenden Ausbruch in den Synth-Pop von „It’s So Easy“ umso effektiver zu gestalten. Doch selbst in diesem Moment der scheinbaren Eingängigkeit bleibt die Produktion von Joakim Lindberg distanziert. Der Basslauf erinnert in seiner stoischen Art an die Post-Punk-Ästhetik der frühen Achtziger, während Caroline Landahl mit einer Stimme singt, die jede Form von Kitsch im Keim erstickt.
Die Kraft des Albums liegt in seiner Fähigkeit, die eigene Verletzlichkeit als ästhetisches Werkzeug zu nutzen, ohne dabei in die Falle der Weinerlichkeit zu tappen. In „I Wish I Gave You More Time Because I Love You“ verschmilzt das Saxophon von Inge Petersson Lindbäck so organisch mit den jangelnden Gitarren, dass die Grenze zwischen Jazz-Einfluss und Indie-Pop vollständig verschwimmt. Landahl’s Gesang agiert hier als funktionales Zentrum, das die Instrumentierung erdet, wenn sie droht, ins Uferlose abzudriften. Die Texte verhandeln das Ende von Beziehungen als einen Prozess der Entfremdung: „Are you ready to see?“, fragt „Closer“ und stellt damit eine Intimität her, die im selben Moment durch die lärmenden Gitarrenwände des Refrains wieder eingerissen wird.
Gegen Ende des Albums offenbart sich eine strukturelle Ermüdung, die jedoch konsequent zum Titel passt. Songs wie „Seems So Hard“ oder „The Mornings“ ziehen sich in eine fast schon narkotische Ruhe zurück. Hier zeigt sich die Reife der Band, die es nicht mehr nötig hat, jeden Song mit einer Hook zu forcieren. Stattdessen vertrauen sie auf die atmosphärische Dichte, die in den Studio Sickan Hallen Malmös eingefangen wurde. „Siesta“ bleibt ein Dokument der Ungewissheit, das in der Schlussszene von „Weekend“ keinen Trost spendet, sondern lediglich die Notwendigkeit des Weitermachens betont.
Die junge Frau auf dem Pferd blickt am Ende des Albums nicht zurück; sie bleibt in ihrer Bewegung erstarrt, während die Musik leise ausklingt und die Frage nach dem Morgen unbeantwortet lässt.
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