HARRY STYLES Kiss All The Time. Disco, Occasionally
Euphorie und Existenzkrise verschmelzen auf diesem Album zu einer nervösen Einheit. HARRY STYLES wagt den Ausbruch aus dem konservativen Pop-Korsett und findet in der Zerbrechlichkeit eine neue, dringliche Intensität.
Das mechanische Ticken einer Hi-Hat im Zusammenspiel mit einem gedämpften Klavier markiert in „American Girls“ eine rhythmische Strenge, die bisherige Veröffentlichungen von Harry Styles vermissen ließen. Wo früher ein warmer, fast schon biederer Laurel-Canyon-Sound dominierte, regiert nun eine unterkühlte Präzision. Diese klangliche Reduktion im ersten Drittel des Albums fungiert als bewusste Zäsur; sie ist die hörbare Abkehr von der bisherigen Gefälligkeit. Die Stimme wird hier funktionaler eingesetzt, verliert ihre solistische Dominanz und gliedert sich stattdessen als texturales Element in die dichten Synthesizer-Flächen ein.
Das Albumcover unterstreicht diese ästhetische Neuausrichtung durch eine Inszenierung, die den Bruch zwischen musikalischer Intimität und visueller Aussage radikalisiert. Während die Musik stellenweise in dichte, fast klaustrophobische Elektronik flüchtet, zeigt das Visuelle eine Pose der Überforderung vor dunkler Kulisse. Dieses Verhältnis von Pose und Authentizität spiegelt die inhaltliche Zerrissenheit wider, in der sich das Subjekt zwischen dem grellen Schein einer Diskokugel und der einsamen Dunkelheit eines Feldes behaupten muss. Es ist kein Porträt eines Popstars, sondern die Studie einer Entfremdung, die sich in Songs wie „Aperture“ durch eine repetitive, beinahe monotone Struktur fortsetzt.
Strukturell arbeitet das Werk mit einer signifikanten Zunahme an rhythmischer Komplexität, die besonders in der Zusammenarbeit mit Tom Skinner deutlich wird. In „Season 2 Weight Loss“ bricht die formale Kohärenz zugunsten eines frenetischen Breakbeats auf, der eine Dringlichkeit erzeugt, die weit über das handwerkliche Niveau von „Harry’s House“ hinausgeht. Diese Momente der Reibung bleiben jedoch rar gesät. Das Album scheitert gelegentlich an der eigenen Ambition, wenn konventionelle Balladen wie „Paint By Numbers“ den mühsam aufgebauten elektronischen Spannungsbogen unterbrechen. Diese Rückfälle in vertraute Muster limitieren die strukturelle Innovation und verhindern eine vollständige Emanzipation vom Radio-Pop.
Transparenzhinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Bei einem Kauf erhält MariaStacks eine kleine Provision.
