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FLORENCE + THE MACHINE How Big, How Blue, How Beautiful

2015

Zwischen Himmel, Schuld und Klanggewalt: Wie FLORENCE + THE MACHINE mit HOW BIG, HOW BLUE, HOW BEAUTIFUL die eigene Größe hinterfragt und in orchestraler Selbstanalyse ertrinkt.

Florence Welch steht auf diesem Album wie eine gefallene Prophetin vor den Trümmern ihrer eigenen Überwältigungsästhetik. Nach dem sakral aufgeladenen „Ceremonials“ wagt sie eine Rückkehr zur Erde – zumindest im Ansatz. „How Big, How Blue, How Beautiful“ ist weniger ein Bruch als eine Entblößung: eine Auseinandersetzung mit sich selbst, mit Liebesverlust, Größenwahn, dem Versuch, zwischen Chaos und Klarheit zu atmen. Die langen Pausen nach dem letzten Erfolg waren nicht bloß künstlerische Distanz, sondern Überlebenstaktik. Welch, die zwischen Exzessen, Tournee und Zusammenbruch taumelte, scheint hier ein Protokoll der Ernüchterung vorzulegen – ohne je ganz loszulassen vom Pathos, das sie groß machte.

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Der Opener „Ship to Wreck“ ist ein exemplarischer Einstieg: die Frage, ob sie ihr eigenes Unglück gebaut hat, steht wie eine selbstironische These über der Platte. Gitarren und Schlagzeug treiben, doch statt Katharsis entsteht eine beklemmende Unruhe. In „What Kind of Man“ wird das Bombastische zum Prüfstein: ein heroischer Aufschrei gegen einen schwankenden Liebhaber, der zugleich die Leere in ihr selbst spiegelt. Welch schreit, bebt, beschwört, doch die Intensität gerät an ihre Grenzen, weil sie kaum mehr Luft zwischen Stimme und Arrangement lässt. „Queen of Peace“ entfaltet sich als barockes Drama über Schuld und Abhängigkeit, während „St. Jude“ den Bruch mit fast liturgischer Sanftheit behandelt: „Maybe I’ve always been more comfortable in chaos.“ Ein Satz, der den Kern des Albums trifft – die Erkenntnis, dass Ordnung keine Heimat bietet.

Der Titeltrack wirkt wie ein Übergangsritual. Trompeten öffnen Räume, in denen kurz Hoffnung aufschimmert. Welch beschreibt den Himmel von Los Angeles, groß und blau, aber kaum schön: eine symbolische Distanzierung von den Wasser-Mythen, die ihre früheren Alben trugen. Hier blickt sie nach oben, nicht hinab und findet in der Weite kein Trost. Die Produktion von Markus Dravs und Paul Epworth kleidet ihre Verletzlichkeit in prächtige Texturen, die selten Atem lassen. Gerade in den leiseren Momenten – „Long & Lost“, „Various Storms & Saints“ – zeigt sich, was diese Platte hätte sein können: eine Reduktion auf das Wesentliche, nicht die Wiederholung des Überwältigenden.

Trotz all der Stärke bleibt ein Nachgeschmack der Erschöpfung. Welch will zu viel: Größe, Erlösung, Wahrheit. Am Ende steht ein Werk zwischen kathartischem Poptheater und emotionaler Selbstüberschreitung. „How Big, How Blue, How Beautiful“ ist eindrucksvoll gebaut, aber kaum bewohnbar – ein Kathedralenalbum über die Mühe, menschlich zu klingen.

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Schwarzweißporträt von Florence Welch, die mit ernstem Blick und gestütztem Kinn direkt in die Kamera schaut; minimalistisches, typografisch klares Cover mit dem Schriftzug „Florence – How Big, How Blue, How Beautiful“.

Florence + the Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

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79
portrait
2015
How Big, How Blue, How Beautiful
ME-0376-NG

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

portrait
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