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DRAKE ICEMAN

NEU ● 2026

Eine eisige Flucht vor dem eigenen Erbe: DRAKE inszeniert auf seinem neuen Album ein gigantisches Monument der Paranoia und Isolation, das musikalisch zwischen genialen Momenten und lähmendem Stillstand schwankt.

Der Einstieg ist kein Beat, sondern ein mechanisches Klicken, das von einer seltsam körperlosen, digital verfremdeten Stimme abgelöst wird. Auf „Janice STFU“, dem zentralen Fixpunkt des neuen Werks, kriecht eine klangliche Müdigkeit durch die Frequenzen, die jede vermeintliche Leichtigkeit im Keim erstickt. Ein einsames Tastensignal liegt flach im Raum, während die Rhythmusspur seltsam verzögert einsetzt, als müsse sich die Musik gegen einen unsichtbaren Widerstand stemmen. Diese spezifische Geste der Verweigerung, dieses Schleifen der Artikulation, bricht mit der gewohnten Souveränität vergangener Tage und legt ein Fundament, das weit über die bloße Pose des unnahbaren Herrschers hinausreicht.

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In dieser kalkulierten Starre nistet sich eine fundamentale Verunsicherung ein. Drake, dessen Name über anderthalb Jahrzehnte für eine lückenlose Kontrolle des popkulturellen Narrativs stand, agiert hier spürbar isoliert. Das visuelle Versprechen des Artworks bricht an dieser Stelle radikal mit der musikalischen Realität: Der diamantbesetzte, weiße Handschuh, eine kaum verhüllte Hommage an Michael Jackson, beschwört eine unantastbare Pop-Größe herauf, die im drückenden, paranoiden Klangbild des eigentlichen Albums kollabiert. Wo das Bild eine schillernde, fast schon sakrale Distanz behauptet, verhandelt die Musik das klaustrophobische Innere dieses Elfenbeinturms. Es ist die Dokumentation eines schleichenden Rückzugs, die Ästhetisierung eines Mannes, der sich im eigenen Mythos verfangen hat.

Diese Dynamik prägt das gesamte Fundament von „ICEMAN“. Die Stücke funktionieren selten als klassische Songs, sie gleichen eher klanglichen Zustandsbeschreibungen. „Ran to Atlanta“ bricht nach einer kühlen, elektronischen Einleitung unvermittelt ab, um einer düsteren Trap-Struktur Platz zu machen, in der Gastauftritte wie jener von Future fast wie geisterhafte Projektionen wirken. Die Produktion von Conductor Williams und Ovrkast verweigert sich dem großen, radiotauglichen Refrain, sie bleibt im Halbdunkel stehen. Die Stimmlage bewegt sich in einem monotonen Korridor, der jede emotionale Regung filtert und eine künstliche Kälte erzeugt.

Besonders deutlich wird diese strukturelle Verengung im Umgang mit den eigenen Verletzungen. Die Zeilen „What happened to Drake with the innocence? / I don’t think we’ll be seeing him again“ auf dem finalen „Make Them Know“ markieren keine versöhnliche Rückschau, sondern eine fast zynische Bestandsaufnahme. Die Analyse der eigenen Verwundbarkeit wird sofort wieder durch Abwehrreflexe und Angriffe gegen ehemalige Weggefährten wie A$AP Rocky oder LeBron James überlagert. Diese Ambivalenz zieht sich durch das gesamte Material: Der Wunsch nach Befreiung aus vertraglichen Zwängen steht im Widerspruch zu einer Veröffentlichungsstrategie, die den Markt mit einer unüberschaubaren Masse an Tracks flutet.

Am stärksten ist das Album dort, wo es diese Zerrissenheit formal radikalisiert. „National Treasures“ nutzt die britische Produktionshandschrift von Wraith9, um ein ungemütliches, fast industrielles Klangfeld zu erzeugen, in dem die vertrauten Luxus-Erzählungen wie hohle Phrasen verhallen. Hier zeigt sich die eigentliche Tragik des Spätwerks: Die handwerkliche Brillanz und das unbestreitbare Gespür für Texturen sind nach wie vor vorhanden, doch sie dienen zunehmend der Verwaltung eines gigantischen, sich selbst ermüdenden Imperiums.

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72
symbolisch
NEU
2026
ICEMAN
DU-0405-SI

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

verfremdet
2021
Mutator
DU-0401-TZ
illustration
2013
Twelve Reasons To Die: „12 Delucas Private Press Version“
DU-0402-TZ
illustration
2019
Duster
DU-0403-CW
surreal
2010
Further
DU-0404-TS
portrait
2023
Power of Thought EP
DU-0406-SI
gruppe
2025
DJ-Kicks: Modeselektor
DU-0407-AG
portrait
2019
Look Up Sharp
DU-0408-NG
schriftbild
2018
Wrong Creatures
DU-0409-AG