Coldplay – Everyday Life

So ein Rückblick kann gelegentlich ganz schön verstörend sein. Das Debüt „Parachutes“ von Coldplay wird im Juli des nächsten Jahres 20 Jahre alt und „Everyday Life“, das achte Studioalbum der Band, hat ein Gefühl dafür, nostalgisch an die letzten 20 Jahre zu erinnern. Als Doppelalbum konzipiert, ist es ein weitläufiges und fragendes Projekt einer Gruppe, die von den grausameren Wegen der Welt eindeutig verblüfft und bestürzt ist. Aber es fehlt nicht ganz an Hoffnung, dank ihrer Bereitschaft, sich zu strecken, um die Schrecken und Nöte der Menschheit zu lindern. Während „Everyday Life“ voller Gedanken über das moderne Leben ist, hat es auch die großen Pop-Momente, die Coldplay zu einer der zuverlässigsten Arena-Acts des 21. Jahrhunderts gemacht haben. 

„Church“ erinnert an die prickelnde Pracht von „Viva La Vida“, wobei Martin’s Stimme sich am Ende in Qawwali-Sänger Amjad Sabri’s gesampeltem Scharfsinn wickelt. „Champion of the World“ klingt wie gemacht für besonders inspirierende Highlights. Die gebrochenen Gitarren leuchten wie der Mond, der wahrscheinlich von Martin’s E.T. in die Köpfe der Zuhörer gezaubert wurde. „Everyday Life“ existiert jedoch in einer eigenartigen, unpolierten Welt, die Frontmann Chris Martin als „totally raw“ und rein bezeichnete. Die bislang am wenigsten unmittelbaren oder mainstream-freundlichen Bestrebungen des Unkonventionellen lassen sich in mehrere Genres und verschiedene Richtungen unterteilen, was es erforderlich macht, dass wir uns dem Erlebnis hingeben. 

„Everyday Life“, das weit von einer Standardausgabe abweicht, ist auch die bisher politischste Stellungnahme. Es entlarvt die Brutalität der Polizei und verleiht der globalen Flüchtlingskrise mit dem ansonsten freudigen „Orphans“ ein verhältnismäßiges menschliches Gesicht. Während diese Momente (für Coldplay) intensiv sind, überladen sie das Album damit nicht vollständig. Während jeder Track seine eigenen besonderen Momente bietet, gehört zu den absoluten Highlights das verheerende „Daddy“, ein mitreißendes, auf Klavier basierendes Klagelied, das wie ein Song von Keane aus deren Anfangstagen klingt. Die akustischen Lieder „Èkó“ und „Old Friends“ sind sehr hübsch, auch wenn die afrikanischen Texte des ersteren eher von einem Paul Simon-Album als vom eigentlichen Kontinent inspiriert klingen.

In seiner Gesamtheit betrachtet ist „Everyday Life“ der gleichen Straftat schuldig und bietet einen kurzen, nicht anstößigen Geschmack zahlreicher exotischer Gerichte, ohne den Rezepten neue Zutaten hinzuzufügen. Coldplay brauchten nie übermäßige Substanz, um Musik zum Laufen zu bringen, aber indem sie so unersättlich versuchten, zu beweisen, dass sie welche haben, stellen sie versehentlich ihr größtes Manko voll zur Schau. Das Ergebnis ist ein Album, das die erforderlichen Coldplay-Anforderungen erfüllt – sei es Falsett, Ode an brütende Verzweiflung oder dekadente Jubelattacken – aber letztendlich seine eigene Notwendigkeit nur in Teilen rechtfertigt.