CHARLI XCX zwischen rotziger Gitarren-Anarchie und kalkulierter Starkult-Provokation: Wie das Album Music, Fashion, Film den eigenen Mythos demontiert.
Das Versprechen beginnt mit einer platten Behauptung, die zeitgleich als Absage an den eigenen Erfolg ins Mikrofon genuschelt wird. “I think the dance floor is dead / So now we’re making rock music”, erklärt Charli xcx im Eröffnungsstück “Rock Music”, während im Hintergrund übersteuerte, schrammelnde Gitarren das bisherige Fundament ihrer Karriere kurzhand demontieren. Wer darin eine stilistische Kehrtwende vermutet, übersieht die strategische Natur dieser Geste. Die Abkehr vom Club ist kein Ausflug in ein neues Genre, sondern eine gezielte Verweigerung von Erwartungshaltungen. Es geht um die Entwaffnung eines Publikums, das sich nach dem weltweiten Hype um „Brat“ bequem in ästhetischen Schablonen eingerichtet hatte.
Diese Haltung inszeniert das visuelle Konzept konsequent. Das Artwork zeigt nicht die Künstlerin selbst, sondern inszeniert mit John Cale, Marc Jacobs und Martin Scorsese drei alternde Männer der Avantgarde in einer kargen Küche. Charli xcx zieht sich aus dem eigenen Bild zurück und überlässt die Repräsentationsfläche historischen Figuren von Kunst, Mode und Film. Es ist ein Akt bewusster Überzeichnung: Das eigene Schaffen wird über den Verweis auf fremde Legenden ironisiert, während die musikalische Intimität der Songs diese überlebensgroße Geste im selben Moment wieder untergräbt. Die abwesende Gastgeberin dirigiert den Raum aus dem Off.
Musikalisch übersetzen die Produzenten A. G. Cook und Easyfun diese Verweigerung in extrem verdichtete, fast skelettierte Arrangements. In “Persona” prallen schroffe, mechanische Gitarrenläufe auf Gesangsspuren, die zwischen Sprechgesang und abgeklärter Beiläufigkeit schwanken. Die Instrumentierung verzichtet auf die opulente Synthesizer-Dichte früherer Tage; stattdessen regiert eine kalkulierte Sperrigkeit. Der Song “Card Declined” zerlegt Konsumfetischismus und Identitätskonstruktion in ein fragmentarisches, verzerrtes Soundgebilde, das akustische Referenzen an den Indie-Sleaze der Nullerjahre mit kaltem, digitalem Übersteuerungsrauschen kreuzt.
In “Camera” schlägt diese demonstrative Härte schlagartig in fragile Selbstanalyse um. Über einer jitternden, unruhigen Beat-Struktur verhandelt der Text die Angst vor dem Kontrollverlust vor den Augen der Öffentlichkeit, löst sich dann aber in einer fast schwerelosen Harmonie auf. Die unsparmäßigste Konfrontation erfolgt schließlich in “I’m Afraid”, wenn über einem aufgetrennten, akustischen Gitarrenmotiv die verletzliche Kehrseite des Starkults offenliegt: “All this pain makes me believe / I’m a better artist now / An excuse I tell myself / To act selfishly.” Hier nutzt Charli xcx die Reduktion des Arrangements als seismographisches Werkzeug, um die eigene Mythologisierung als ästhetisches Schutzschild offenzulegen.
Im Kontext der bisherigen Diskografie markiert das Werk eine Verschiebung von der kollektiven Exzess-Formel hin zu einer fragmentierten, introspektiven Selbstbefragung. Standen Alben wie „Crash“ oder „Brat“ für die Perfektionierung beziehungsweise Dekonstruktion des überlebensgroßen Club-Pop, verschiebt dieses Album den Fokus auf eine sperrige, von Gitarren getriebene Ästhetik der Verweigerung. Charli xcx ersetzt die funktionale Dynamik der Tanzfläche durch eine spröde, collageartige Klangsprache, die Popkultur nicht mehr feiert, sondern als ständiges Rauschen vorführt.
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