CéLINE DION Taking Chances
CÉLINE DION wagt kontrollierte Öffnung statt radikaler Erneuerung. TAKING CHANCES zwischen kalkulierter Modernisierung, vokaler Disziplin und struktureller Überlänge.
Mit „Taking Chances“ meldet sich Céline Dion nach Jahren permanenter Las Vegas Präsenz in den regulären Popbetrieb zurück. Das Album entsteht nicht als spontaner Befreiungsschlag, sondern als sorgfältig orchestrierter Übergang. Die Produktionsliste liest sich wie ein Kompendium zeitgenössischer Popautorenschaft, von Dave Stewart über Linda Perry bis Ne Yo. Diese Vielzahl erzeugt Bewegung, zugleich eine erkennbare Fragmentierung. „Taking Chances“ versucht, Dion’s etablierte Dramaturgie zu entschärfen, ohne sie aufzugeben. Der Wille zur Aktualisierung bleibt spürbar, der Mut zur echten Reduktion dagegen begrenzt.
Der Titelsong eröffnet mit kontrollierter Zurückhaltung. Akustische Gitarre und schichtweise Elektronik lassen Raum, bevor sich die Stimme hebt. Textlich wirkt das Versprechen des Wagnisses eher als Behauptung denn als Risiko. Die Referenz an „Here Comes the Rain Again“ ist ein kalkulierter Verweis, kein Bruch. „Alone“, als Heart Cover, zeigt Dion’s technische Souveränität, bleibt jedoch nah an vertrauter Monumentalität. Es ist eindrucksvoll gesungen, hinterlässt dennoch wenig neue Kontur. Deutlich interessanter wird es dort, wo das Album temporär aus dem sicheren Mittelmaß tritt. „Shadow of Love“ verbindet Disco Akzente mit poppiger Vorwärtsbewegung und verleiht dem Album für Minuten Leichtigkeit. „This Time“ arbeitet mit dunkleren Flächen, zurückgenommener Dramatik und einer spürbaren inneren Spannung, die ohne vokales Ausufern auskommt. Hier entsteht Atmosphäre statt bloßer Demonstration.
Problematisch wirkt die Länge. Sechzehn Stücke ziehen das Album auseinander. Zahlreiche Midtempo Titel sind sauber produziert, präzise gesungen, bleiben jedoch austauschbar. „My Love“ oder „I Got Nothin’ Left“ erfüllen funktional ihre Rolle, ohne narrative Tiefe zu entwickeln. Erst gegen Ende öffnen sich wieder markantere Räume. „That’s Just the Woman in Me“ erlaubt eine rauere Textur, „Skies of L.A.“ schließt mit schwebender Melancholie und moderner Zurückhaltung. Diese Momente zeigen, was möglich gewesen wäre bei klarerer Fokussierung. Das Cover unterstreicht diesen Ansatz. Dion erscheint kantig, distanziert, in kontrollierter Pose. Stärke wird visuell behauptet, Verletzlichkeit bleibt ausgespart. Es passt zu einem Album, das weniger riskant agiert, als sein Titel verspricht. „Taking Chances“ ist kein Rückschritt, auch kein Neuanfang. Es ist ein Übergangswerk, professionell, ambitioniert, oft zu vorsichtig. Die Relevanz entsteht nicht aus Radikalität, sondern aus Beharrlichkeit.
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