Tocotronic – Schall & Wahn

Wie immer und seit je her bei Tocotronic, stehen die Texte ganz im Zeichen der uneingeschränkten Aufmerksamkeit. Es ist die Zuweisung, gestützt von Bewusstseinsressourcen auf Bewusstseinsinhalten. Die Wahrnehmungen auf die Umwelt werden wieder einmal perfekt von Sänger Dirk von Lowtzow in zauberhafte Art und Weiße beschrieben und sind zugleich der finale Abschluss der „Berlin-Trilogie“. ‚ Schall und Wahn ‚ wurde nach dem Roman von William Faulkner benannt, der den Titel wiederum von Shakespeare gestohlen hat. ‚ Schall und Wahn ‚ ist die bisher heftigste Propagierung von Zwischenstufen, Ich-Auflösung und der beliebigen Vielheit. Das Album beschreibt darin in zwölf Kapiteln eine wahrhaft infernalische Welt, die von Liebe und Verbrechen beherrscht wird, vom Guten wie auch vom Bösen.

Es gibt dementsprechend  nie ein Tocotronic Album, das von den Fans wie vom Feuilleton nicht immer auch als Steinbruch für vermeintlich zeitgemäße Slogans gehört wurde. Tocotronic sind die Techniker der reflexiven Analyse. Musikalisch beginnt die Hamburger Diskursband mit einem echten Broken. Acht Minuten schieben sich durch zähe Rauschwaden, versuchen der Liebe zu entkommen und werden am Ende doch Opfer Ihrer eigenen Flucht. Als ob nichts gewesen wäre, übernimmt das zweite Stück ‚ Ein leiser Hauch von Terror ‚ mit aufmüpfigen Gitarren den imaginären Opener und stellt sich und alles folgende in einen neurotisierenden Prozess. So oft auch das textliche von Tocotronic zerissen wird, so schön ist es manchmal einfach nur die Musik und deren Instrumente zu lauschen. Fernab jeglicher Querverweise, weit weg von bestimmten Haltungen und dem völliges Desinteresse, ob man das Gehörte auch „richtig“ verstanden hat.

Tocotronic ziehen mit ‚ Die Folter endet nie ‚ in luftige Höhen hinauf und lassen es dort mit ‚ Macht es nicht selbst ‚ so richtig krachen. Um das breite Publikum zu erreichen, war diese Wahl mit Sicherheit die Beste. Doch warum sich darüber Gedanken machen? Was zählt sind die spürbaren inneren Schwingungen in einem selbst. Und dieser Track wird Sie alle ansprechen können. Die Tanzbeine werden schwingen und zweifelsohne muss darin ein ganz besonderer Zauber stecken. ‚ Schall und Wahn ‚ gehört im Gesamten zu den künstlerischen  Arbeiten, die sich nicht auf Anhieb selbst erklären. Es muss erst das gegenseitige Vertrauen in einem festen Fundament verankert sein. Ein Vertrauen das mit ausreichender Geduld jeden erreichen wird. Tocotronic waren schon immer dafür bekannt, einheitlichen und flächigen Mahlstrom aus Klang hinzubekommen, bei gleichzeitig einfachen Strukturen.

Und so auch bei ‚ Schall und Wahn ‚ mit den unantastbaren Obsessionen für Meta-Ebenen oder parodistischen Brechungen. Ja sogar mit Punk und Hardcore kamen Tocotronic in Berührung, nämlich als schöne Leichen. Auch ‚ Bitte oszillieren sie ‚ schlägt ein ähnlich hohes Tempo an und erfährt erst durch den gleichnamigen Titeltrack eine kreative wie beruhigende Pause zugesprochen. Insgesamt bleiben sich Tocotronic Ihrer Linie treu, verzichten auf Crossover Einlagen und beschäftigen sich auch hier wieder mit den Ästhetiken oder Strukturen in elektronischer Musik und der Frage, wie ein Rock-Quartett es am Besten übersetzen könnte. Und so wollen wir mit der reflexiven Analyse des Von Lowtzow’s enden: „Was wir niemals zu Ende bringen, kann kein Moloch je verschlingen, kann kein Hummer in die Zange nehmen, kein Wind in alle Welt vertreiben“.