Boston Manor – GLUE

Im Jahr 2018 ließ das britische Quintett Boston Manor sein zweites Album „Welcome to the Neighborhood“ auf uns los und debütierte mit einem dunkleren Sound und einer dunkleren Ästhetik. Sie haben ihren Crossover-Weg mit „GLUE“ fortgesetzt und klingen nun mehr nach alternativem Rock der 90er als nach Pop-Punk. Boston Manor entstanden 2013 als Teil der aufstrebenden britischen Pop-Punk-Szene. Ihr Debüt 2016 „Be Nothing“ festigte sie als eine der besten Bands in dieser Szene, aber es war ihre zweite Platte, die einen Wendepunkt markierte. Weitaus experimenteller als zuvor, mischte die Band Elemente aus R&B, HipHop, Post Hardcore und Industrial Rock, um eine vielschichtige Platte zu kreieren, die durch ihre launische Atmosphäre miteinander verbunden ist.

Den Auftakt macht die erste Single „Everything Is Ordinary“, eine wilde Explosion purer Punk-Energie, die als Leitbild des Albums dient. Es ist ein störanfälliger und energiegeladener Track, der dröhnende Synthesizer mit knusprigen Gitarren und verschwommenen Drums kombiniert, um einen Sound zu erzeugen, der anders ist als alles, was Boston Manor zuvor produziert haben. Die Gruppe hat uns also in diesem Moment darüber informiert, dass Ihr Regelbuch so eben aus dem Fenster geworfen wurde. Es wird auch schnell klar, dass „GLUE“ nicht nur ein Album ist, sondern eine kritische Auseinandersetzung mit der modernen Welt. Eine der Methoden, mit denen Cox gesellschaftliche Probleme angeht, ist das Erzählen von Geschichten, die den Hörer direkt in die Perspektiven der Beteiligten versetzt. 

Das ominöse „On A High Ledge“ unterscheidet unerschütterlich die giftige Männlichkeit und die Folgen, die auftreten können, wenn Jungen beigebracht wird, was es bedeutet, ein Mann zu sein. “Father, I think I’m different / I don’t like playing with the other boys”, singt Cox als Erzähler des Liedes und fasst die Art und Weise zusammen, in der Erwartungen an junge Männer das Selbstbild negativ beeinflussen können. Das unheimliche Instrumental des Songs beginnt auf minimalistische Weise mit nur einem Synthesizer und stotternden Hi-Hats. Es fügt nach und nach Ebenen hinzu, bevor es in einem lauten Crescendo gipfelt. Das scharende Getöse von „1’s & 0’s“ vergleicht derweil die Kluft zwischen der jüngeren und älteren Generation Großbritanniens mit einer missbräuchlichen Beziehung. (“What would you do to me if I opened my mouth?”).

„GLUE“ erreicht seinen Höhepunkt mit dem Song „Monolith“. Die aufgestaute Frustration, die sich während des gesamten Albums aufgebaut hat, endet mit einem leidenschaftlichen, “Hey you, fuck you too/ I’ll do what I want when I want to”. Das Lied wurde von der Band als Mittelfinger für die Menschen beschrieben, die die Welt zu einem schlechteren Ort machen, und zugleich ist es eine Art Weckruf, der die Menschen dazu inspirieren soll, Stellung zu beziehen. Durch die Kanalisierung ihrer Frustration in ihr Handwerk haben Boston Manor nicht nur ihr bisher bestes Album gemacht, sondern auch der unzufriedenen Jugend der modernen Gesellschaft eine Stimme verliehen, zu einer Zeit, in der dies dringend benötigt wird.