Eine ekstatische Rückkehr zur Natur inmitten künstlicher Ekstase: Das neue Album HORSEGIIRL lädt ein zu einer techno-esoterischen Heilslehre voller euphorisierender Widersprüche, die konsequent die Grenzen des guten Geschmacks sprengt.
Das repetitive Knirschen eines frisch zerbissenen Apfels bricht mit brutaler Physikalität in das synthetische Dauerfeuer. Dieses isolierte Geräusch fungiert als rhythmischer Anker, bevor die hyperbeschleunigte Bassdrum das Kommando übernimmt. Es ist eine Produktionsgeste von entwaffnender Direktheit, die sich durch die gesamte Architektur des Werks zieht: Die radikale Reibung zwischen biologischer Rohheit und digitaler Übersteuerung wird hier zum strukturellen Prinzip erhoben. Jedes organische Detail wirkt in dieser hyperrealistischen Umgebung künstlich hochgeglänzt, während die maschinellen Beats eine fast fleischliche Dringlichkeit entwickeln.
In dieser elastischen Soundwelt dekonstruiert die Berliner Produzentin horsegiirL das Erbe des europäischen Hardcore-Raves mit kalkulierter Naivität. Wo frühere Underground-Kollaborationen noch im staubigen Gestus subversiver Party-Anomalien verharrten, zelebriert das erste abendfüllende Werk eine kompromisslose Pop-Haltung. Das Albumcover inszeniert diese Neuausrichtung visuell: Eine pastorale, esoterisch aufgeladene Traumlandschaft bricht radikal mit dem unterkühlten Minimalismus der Berliner Clubkultur, um eine theatralische Sehnsucht nach totaler Naivität zu behaupten. Es ist die totale Überzeichnung einer heilen Welt, die genau jene artifizielle Perfektion spiegelt – Verzeihung, abbildet –, die in den Tracks klanglich durchexerziert wird.
Gemeinsam mit den Pop-Architekten A.G. Cook und Margo XS verschiebt Stella Stallion den Fokus weg von der reinen Peak-Time-Funktionalität hin zu einem schillernden Amalgam aus Eurodance, Bubblegum Bass und New-Age-Referenzen. Die vokale Präsenz bleibt dabei konsequent infantilisiert und flach im Mix platziert, ein schüchternes Flüstern im Auge des klanglichen Hurrikans. Im manischen Eröffnungstrack „351%“ kollabiert diese Zurückhaltung in eine amüsierte Machtdemonstration: „Ten percent cutie, twenty percent shock / Ninety-nine percent I get whatever I want“. Diese mathematisch unmögliche Selbstetikettierung dient als präziser Bauplan für ein Album, das seine strukturelle Glaubwürdigkeit aus der totalen Übertreibung schöpft.
Die thematische Fixierung auf ökologische Regeneration und animalische Urinstinkte fungiert dabei keineswegs als dekoratives Beiwerk. In „take me to venus“ wird die Biologie zur ultimativen Fluchtroute vor der digitalen Erschöpfung stilisiert: „At the end, we’re animals looking for some love / Get to mating, get to more, it’s a primal force“. Die Pop-Erzählung verwehrt sich jeglicher intellektueller Distanzierung. Die klangliche Umsetzung dieser Öko-Utopie kollidiert in Tracks wie „hands hands hands“ mit den rasiermesserscharfen Synthesizer-Arpeggios des zeitgenössischen Hyperpop.
Diese permanente Reibung zwischen spirituellem Wellness-Anspruch und der sensorischen Überforderung einer beschleunigten Rave-Ästhetik gibt dem Album eine unerwartete Tiefe. Das kinetische Potenzial von Stücken wie „AURA“ oder dem zerrissenen „that’s my beach“ zeigt eine detailverliebte Sound-Architektur, die weit über bloßen Novitäten-Pop hinausgeht. Am Ende steht eine Ästhetik, die ihre eigene Lächerlichkeit so ernst nimmt, dass sie in eine völlig neue Form von transzendenter Ernsthaftigkeit kippt.
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