ALELA DIANE Who’s Keeping Time?
Eine melancholische Stille legt sich über das Land, während ALELA DIANE mit unaufgeregter Intimität die Vergänglichkeit feiert und uns in eine Welt voller analoger Wärme entführt.
Das sanfte, fast unbemerkt einsetzende Pfeifen zu Beginn von „California“ gibt den Rhythmus vor für ein Album, das sich konsequent jeder modernen Beschleunigung verweigert. Es ist eine mikrorhythmische Entscheidung der totalen Entschleunigung, eine bewusste Zurückhaltung im Atemfluss, die sich durch die gesamten elf Stücke zieht. Diese feine, kontrollierte Gesangshaltung, die jede Silbe wie ein kostbares Fundstück platziert, bricht radikal mit dem unruhigen Grundrauschen zeitgenössischer Folk-Produktionen. Wo frühere Veröffentlichungen noch eine jugendliche Unbedarftheit im Umgang mit der Melancholie besaßen, dominiert hier eine gereifte, fast distanzierte Klarheit. Jedes Vibrato ist exakt dosiert, jeder Atemzug wird zum strukturellen Element, das den Raum zwischen den Noten vermisst.
Dieses Prinzip der räumlichen Isolation spiegelt die visuelle Inszenierung des Albums perfekt wider, auf der sich die Künstlerin inmitten einer kargen, ungebändigten Landschaft an einem einsamen Holztisch inszeniert. Das Cover bricht mit der gängigen Erwartung an intime Singer-Songwriter-Authentizität, indem es die häusliche Gemütlichkeit künstlich in die Wildnis verlagert, flankiert von ungerührten Wildgänsen. Diese fast surreale Theatralik verdeutlicht das ästhetische Dilemma des gesamten Albums. Es ist das bewusste Inszenieren einer Isolation, die im geschützten Raum des heimischen Dachbodens entstanden ist, sich jedoch nach einer radikalen, fast schmerzhaften Verbundenheit mit der Außenwelt sehnt.
Das Album „Who’s Keeping Time?“ von Alela Diane entfaltet seine Wirkung erst spät, wenn die handwerkliche Reduktion als konsequente Verweigerung spürbar wird. Die Songs fungieren dabei nicht als narrative Stationen, sondern als klangliche Belege für einen kollektiven Rückzugsort. Gemeinsam mit dem Produzenten Sam Weber und Gastmusikerinnen wie Anna Tivel an der Violine wurde das Material komplett live in einem Dachboden in Portland eingespielt. Diese Entscheidung gegen den sterilen Studiokontext und für die unmittelbare Interaktion der Instrumente verleiht Stücken wie „Dusty Roses“ eine ungeheure Plastizität. Nichts wirkt geschönt, das Knarzen der Dielen und das Atmen der Musiker bleiben Teil der Architektur.
Die Lyrics weisen über eine bloße Zustandsbeschreibung weit hinaus, indem sie den zyklischen Charakter von Leben und Sterben strukturell analysieren. In „Spring Is A Fine Time To Die“, einer Hommage an den verstorbenen Michael Hurley, verbindet sich ein spielerisches Pfeifen mit der ernüchternden Erkenntnis über das Ende einer Ära. Die Zeilen „In this land, our only home / They line their pockets with our souls“ aus dem fast wütenden, treibenden „Piss, Coffee, Blood Or Wine“ zeigen zudem eine scharfe politische Beobachtungsgabe, die das Private schmerzhaft mit dem Gesellschaftlichen verknüpft. Das repetitive, fast hypnotische „In My Time“ führt die anfängliche Beobachtung der Entschleunigung schließlich in eine neue, offene Perspektive, in der das Festhalten an der eigenen Zeit zum ultimativen Akt des Widerstands wird.
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