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TOCOTRONIC K.O.O.K.

1999

TOCOTRONIC verabschieden sich auf K.O.O.K. endgültig von der Rolle der Identifikationsfigur für chronisch missverstandene Abiturienten. Zwischen orchestraler Kühle und kryptischen Versen bricht die Hamburger Schule mit ihrem eigenen Erbe und sucht das Weite im Weltall. Ein Album, das mehr nach driftendem Weltraumschrott als nach dem vertrauten Mief deutscher Jugendzentren klingt.

Man kann förmlich hören, wie die abgewetzten Kordhosen im Schrank verrotten. Tocotronic haben auf „K.O.O.K.“ die Pose des nörgelnden Studenten gegen eine Form der ästhetischen Entrückung eingetauscht, die viele alte Fans vor den Kopf stößt. Wo früher die reine Antipathie und das „ich“-bezogene Aufbegehren regierten, herrscht nun eine fast schon unheimliche, abstrakte Distanz. Das Albumcover – eine im dunklen Nichts treibende, havarierte Raumstation – fungiert hier als zwingende visuelle Metapher für diesen Zustand. Es markiert den endgültigen Bruch zwischen musikalischer Intimität und einer bewusst gewählten, künstlichen Isolation. Man ist nicht mehr Teil einer Bewegung, man ist der Kook, der seltsame Außenseiter, der aus einer sicheren, aber einsamen Umlaufbahn auf die Erde starrt.

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Musikalisch ist dieser Umbruch vor allem ein Verdienst der klanglichen Entschleunigung. Mit Micha Acher von The Notwist am Dirigentenpult für die Streicher- und Bläserarrangements gewinnen die Stücke an Tiefe, verlieren aber ihre gewohnte Punk-Dringlichkeit. Das wirkt oft gewollt erwachsen, fast schon gelangweilt. Wenn in „Let There Be Rock“ plötzlich die Fanfaren von Europes „The Final Countdown“ durch den Raum geistern, ist das kein billiger Scherz, sondern eine strategische Setzung von Classic-Rock-Zitaten, die den alten Indie-Gitarren-Sound ad absurdum führen.

Die Texte entziehen sich derweil jeder schnellen Konsumierbarkeit. Dirk von Lowtzow verweigert sich der Rolle des lyrischen Stichwortgebers und flüchtet sich in Zeilen wie „Man kann es drehen und wenden wie man will dachte ich und legte etwas auf den Grill“. Das ist einerseits befreiend sinnfrei, andererseits wirkt es wie eine Schutzbehauptung, um der Last der ständigen Interpretation zu entgehen. Dass mit dem Titeltrack „K.O.O.K.“ erstmals ein englischsprachiger Song auf einem regulären Album landet, unterstreicht nur den Wunsch nach Entgrenzung. Tocotronic nörgeln nicht mehr; sie philosophieren über ihre eigene Verwirrung und lassen dabei einen Elan vermissen, der früher die halbe Miete war. Es ist ein mutiges, aber auch anstrengendes Werk, das die ästhetische Konsequenz über die emotionale Bindung stellt.

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79
collage
1999
K.O.O.K.
UH-0204-RB

Dieses Album ist innerhalb seiner Stimmung platziert und bewertet. Die folgende Auswahl zeigt Titel derselben Stimmung, die im Ranking darüber oder darunter liegen. Sie dient der Einordnung, nicht der Empfehlung.

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