METALLICA St. Anger
Zwischen Kontrollverlust und Kalkül. Ein Album als offenes Nervensystem, roh belassen, bewusst entblößt. METALLICA stellen sich selbst vor Gericht.
Als „St. Anger“ im Juni 2003 erscheint, steht mehr auf dem Spiel als die nächste Station einer ohnehin übergroßen Diskografie. Metallica wirken zu diesem Zeitpunkt wie eine Band im Zustand der Selbstzerlegung. Der Abgang von Jason Newsted, James Hetfields monatelanger Aufenthalt in der Entzugsklinik, interne Machtkämpfe, das öffentliche Napster-Debakel. All das ist kein Beiwerk, sondern Grundsubstanz dieses Albums. „St. Anger“ ist kein Produkt, das eine Phase reflektiert. Es ist die Phase selbst, ungeschnitten, ungefiltert, teilweise kaum kontrollierbar. Genau daraus bezieht es seine Wucht, aber auch seine massiven Schwächen.
Die Aufnahmen ziehen sich über zwei Jahre, unterbrochen von Therapien, Sitzungen, begrenzten Arbeitszeiten. Metallica arbeiten nicht in einem klassischen Studio, sondern in einem neu geschaffenen Proberaumkomplex in San Rafael, der eher nach Schutzraum als nach Produktionsstätte wirkt. Produzent Bob Rock übernimmt den Bass, nicht aus Konzept, sondern aus Notwendigkeit. Gitarrensoli werden vollständig gestrichen, was Kirk Hammett faktisch an den Rand drängt. Der Fokus liegt auf Rhythmus, Wiederholung, roher Energie. Die Snare klingt wie ein offenes Metallgefäß, bewusst ohne Dämpfung, aggressiv im Vordergrund. Dieser Sound ist keine Fehlentscheidung, sondern eine radikale Haltung. Er will nichts versöhnen, nichts glätten, nichts erklären.
Songs wie „Frantic“ oder „St. Anger“ funktionieren als unmittelbare Ausbrüche. Hetfield’s Texte kreisen um Kontrollverlust, Schuld, innere Spaltung. Zeilen wie „My lifestyle determines my deathstyle“ oder „I’m madly in anger with you“ wirken unbeholfen, aber nicht kalkuliert. „Some Kind of Monster“ und „The Unnamed Feeling“ tragen diese innere Zerrissenheit weiter, verlieren sich allerdings in überlangen Strukturen, die ihre Wirkung selbst sabotieren. Hier wird Wiederholung nicht zum Stilmittel, sondern zur Belastung. Viele Stücke hätten an Kraft gewonnen, wenn sie konsequenter verdichtet worden wären.
Visuell übersetzt das Cover diese Haltung präzise. Die geballte Faust, gezeichnet von Pushead, explodiert förmlich aus dem Bildzentrum. Sie steht für Wut ohne Richtung, für Energie ohne Ventil. Genau so klingt dieses Album. Metallica verzichten bewusst auf Distanz, Ironie oder technische Eleganz. Das Ergebnis ist ein Werk, das sich sperrt, das fordert, das streitbar bleibt. Es gibt Momente echter Dringlichkeit, aber ebenso viele Passagen, in denen Orientierung fehlt.
„St. Anger“ ist kein Neuanfang und kein Rückgriff. Es ist ein offenes Dokument einer Band im Ausnahmezustand. Mutig in der Entscheidung, sich nicht zu verstecken. Problematisch in der mangelnden Selbstkontrolle. Die Platte erklärt nichts, sie entlädt sich. Wer Struktur, Entwicklung oder klassische Songdramaturgie sucht, wird enttäuscht. Wer verstehen will, wie sich Metallica im Jahr 2003 anfühlen, findet hier eine schonungslose Momentaufnahme.
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